Archiv der Kategorie: Arbeits- und Organisationspsychologie

Die Arbeits- und Organisationspsychologie ist sowohl ein Teilgebiet der Angewandten Psychologie als auch Querschnittsdisziplin der Allgemeinen, Differenziellen, Biologischen, Sozial- und Entwicklungspsychologie.

Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage

Tomas Chamorro-Premuzic, Psychologe und Buchautor, schreibt in seinem Buch, dass man Narzissten Führungspotenzial zutraut. In einem ZEIT-Interview sagt er unter anderem: “Unternehmen weltweit werden von Männern geleitet. Nur ein Bruchteil aller Führungskräfte ist weiblich. Sieht man von diesem Ungleichgewicht ab, sollte man erwarten, dass die Männer, die aufsteigen, wenigstens kompetent sind. Leider ist das falsch (…). Zwar gibt es kompetente Männer, genauso wie es kompetente Frauen gibt, nur werden sie häufig nicht zu Chefs. (…) Es liegt an unserer Vorstellung von Führung, die veraltet und falsch ist. Wenn jemand ein übermäßig großes Selbstbewusstsein hat und derjenige auch charismatisch ist, vielleicht sogar narzisstische Züge hat, trauen wir dieser Person Führungspotenzial zu. Das Problem ist, dass genau das die Eigenschaften sind, die jemanden zu einem schlechten Chef machen. (…) Er handelt nach seinem eigenen Nutzen, verfolgt nur seine Ziele und sieht seine Fehler nicht. Vielleicht beschuldigt er stattdessen sogar andere. Häufig sind diese Personen trotzdem übermäßig selbstsicher, sie sind sich deshalb ihrer Grenzen nicht bewusst. Männer neigen eher dazu, diese Eigenschaften zu haben. Deshalb haben sie eher Führungspositionen. (…) Ein inkompetenter Chef lässt die Produktivität der Mitarbeiter sinken. Er sorgt für Misstrauen unter ihnen und dafür, dass sie sich unwohl fühlen. Ein solcher Chef schafft es nicht, ein Team zu motivieren und einzelne Personen dazu zu bringen, gut zusammenzuarbeiten. Bis zu 87 Prozent der US-amerikanischen Angestellten haben sich innerlich von ihrem Job distanziert, vor allem, weil sie unzufrieden mit ihren Vorgesetzten sind.”

Der Psychologe Gerhard Dammann zeigt in diesem wissenschaftlich fundierten Fachbuch für Personalexperten, Trainer und Coaches auf, wie die Persönlichkeitsstrukturen von Führungspersonen funktionieren. Er differenziert zwischen gesundem Narzissmus, wie er in herausgehobenen Positionen nahezu unvermeidbar ist, und dem krankhaften Abgleiten in eine übersteigerte Selbstverliebtheit, die einem Unternehmen auf Dauer schadet. Der Autor gibt nützliche Hinweise, wie man schon in Bewerbungsgesprächen entsprechende Persönlichkeitsmerkmale entdecken kann. Papageorgiou et al. (2019) haben mehrere Untersuchungen zu NarzisstInnen durchgeführt und kommen zu dem Schluss, dass dieser Persönlichkeitstyp auch seine positiven Seiten hat, denn die Selbstverliebtheit oder Selbstbewunderung kann auch dazu führen, dass narzisstische Menschen mental stark sind, sich weniger gestresst fühlen und weniger anfällig sind für Depressionen.

Narzissten in einem Betrieb sind Menschen, die sich selbst über alles wertschätzen. Sie sind zwar nicht zwingend inkompetent, doch was sie auszeichnet, ist die geringe Empfänglichkeit für Kritik. Narzissmus ist typischerweise eine Charaktereigenschaft, die darauf abzielt, ein grandioses Selbstbild zu haben, das Narzissten um jeden Preis aufrechterhalten wollen. Menschen mit Narzissmus verarbeiten jedes Feedback daher nicht so gründlich, wenn es negativ ist, und interpretieren es dann sogar eher so, dass es ihrem Selbstwertgefühl nützt.

Folgende Regeln gelten etwa für narzisstische Vorgesetzte: Akzeptieren Sie den Narzissten so, wie er ist. So banal es auch klingt, aber manche Menschen ändern sich nicht – und für diese Sisyphos-Aufgabe sind Sie ohnehin nicht der Richtige. Stellen Sie seine vermeintliche Großartigkeit nie öffentlich infrage – denn selbst auf konstruktive Kritik reagieren Narzissten häufig allergisch. Seien Sie auf Detailarbeit vorbereitet – aber erwarten Sie nicht, für Ihre Ideen und Überstunden von ihm gelobt zu werden. Denn das Rampenlicht will er nicht mit Ihnen teilen. Deshalb sollten Sie Ihre Zufriedenheit nie von seiner Laune und seinem Wohlwollen abhängig machen. Schützen Sie sich selbst. Bleiben Sie dem Narzisst gegenüber professionell. Ihre Gefühle und Emotionen sollten Sie mit ihm nicht teilen. Dadurch bieten Sie ihm so wenig Angriffsfläche wie möglich. Achten Sie auf Ihre Formulierungen. Wenn Sie etwas von ihm wollen, betonen Sie nicht, was Sie selbst davon haben – sondern welche Vorteile er daraus ziehen könnte.


Reizbarkeit und Narzissmus

In einer Studie absolvierten Probanden standardisierte psychologische Tests, die Rückschlüsse auf deren Neigung zu Wut, der mentalen Stabilität und deren Neigung zum Narzissmus erlaubten. Darüber hinaus sollten die Studienteilnehmer ihre Intelligenz auf einer 25-Punkte-Skala selbst bewerten, wobei anschließend das tatsächliche Intelligenzniveau durch einen objektiven Intelligenztest erhoben wurde. Zu Wut neigende Menschen hielten sich in dieser Untersuchung vergleichsweise oft für besonders intelligent, wobei der Vergleich mit den der Intelligenztestergebnissen zeigte, dass sich dies häufig um eine fehlerhafte Selbstwahrnehmung handelte. Damit wurde bestätigt, das Menschen mit hohen Narzissmuswerden ihre Intelligenz oft überschätzen. Offenbar entwickeln Narzissten auch mit der Zeit eine Neigung zur Wut, da ihnen in vielen Situationen bewusst wird, dass es einen Unterschied zwischen der eigenen Wahrnehmung ihrer Intelligenz und ihren tatsächlichen Leistungen gibt.

Aggressiver Narzissmus

Robert D. Hare nennt aus der Psychopathy Checklist folgende Kriterien für einen aggressiven Narzissmus:

  • Oberflächlicher Charme, gute Konversation
  • Überhöhtes Selbstbild
  • Krankhaftes Lügen
  • Manipulativ
  • Unfähig Reue zu empfinden
  • Unfähig zu tiefen Gefühlen
  • Fehlende Empathie
  • Unfähig Verantwortung zu übernehmen

Literatur

Papageorgiou, Kostas A., Gianniou, Foteini-Maria, Wilson, Paul, Moneta, Giovanni B., Bilello, Delfina & Clough, Peter J. (2019). The bright side of dark: Exploring the positive effect of narcissism on perceived stress through mental toughness. Personality and Individual Differences, 139, 116-124.
Stangl, W. (2018). Stichwort: ‘Narzissmus’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/307/narzissmus/ (2018-08-25)
http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/selbstueberschaetzung-so-verstehen-sie-die-inkompetenz-ihrer-kollegen/20929226.html (18-02-12)
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_D._Hare (19-09-09)