Veränderung von Gewohnheiten

Man kann die Welt oder sich selbst ändern. Das Zweite ist schwieriger.
Mark Twain

Untersuchungen (Kuhbandner & Haager, 2016) zeigen, dass es einen Unterschied macht, ob man eine lästige Gewohnheit ablegen oder etwas Neues versuchen möchte. Man untersuchte in zwei Experimenten das Entstehen und anschließende Verändern von Gewohnheiten bei Annäherungs- und Vermeidungsverhalten. Versuchspersonen sahen vor sich auf einem Bildschirm zum einen eine kleine Figur (Avatar), die die Versuchspersonen selbst repräsentieren sollte, und zum anderen das Foto eines bestimmten Objekts. Ihre Aufgabe war, sich bzw. den Avatar über entsprechende Tasten auf der Computertastatur zu manchen Objekten hinzubewegen und von anderen Objekten wegzubewegen. Im ersten Experiment wurden dabei Fotos von Alltagsobjekten gezeigt wie Möbelstücke oder Fortbewegungsmittel, im zweiten Experiment Fotos von Personen, die entweder freundlich oder wütend dreinschauten. Die Versuchspersonen trainierten nun zunächst in einer ersten Phase, sich wiederholt bestimmten Objekten bzw. Personen anzunähern oder aber diese zu vermeiden, bis eine starke Verhaltensgewohnheit geformt war. In einer zweiten Phase sollten sie dann genau diese Verhaltensgewohnheit verändern, d. h., anstatt mit Annäherung mussten sie jetzt mit Vermeidung reagieren und umgekehrt. Es zeigte sich, dass beim Verändern von Gewohnheiten deutlich mehr Fehler gemacht wurden, wenn Annäherungsreaktionen verändert werden sollten, während beim Wechsel von Vermeidungs- zu Annäherungsreaktionen hingegen den Versuchspersonen insgesamt weniger Fehler unterliefen. In der ersten Phase des Gewohnheitserwerbs zeigte sich außerdem, dass selbst nach sehr intensivem Training Annäherungsreaktionen deutlich schneller gezeigt wurden als Vermeidungsreaktionen. Offenbar ist Annäherungsverhalten leichter zu erlernen, während es schwerer fällt, eine alte Gewohnheit abzulegen. Eine mögliche Erklärung für die Unterschiede liegt vermutlich in der Leichtigkeit der Gewohnheitsveränderung, da Annäherungsverhalten offenbar schneller ausgelöst wird, sodass es schwerer fällt, entsprechende Impulse durch gezielte Kontrolle wieder zurückzuhalten.

Nach einer Studie des University College in London dauert es durchschnittlich 66 Tage, bis sich eine neue Gewohnheit oder ein neues Verhaltensmuster etabliert hat. Crego et al. (2020) haben in einem Experiment mit Ratten zu ergründen versucht, was im Gehirn genau vor sich geht, wenn neue Gewohnheiten entstehen. Dazu mussten sich die Tier in einem Labyrinth bewegen, in dem immer an derselben Stelle eine Belohnung auf sie wartete. Da es, wie aus früheren Untersuchungen bekannt ist, mit einer neuronalen Aktivität im dorsolateralen Striatum zusammenhängt, wie gut die Tiere diese Aufgabe meistern, erhöhte oder dämpfte man daher die Aktivität dieses Areals mittels Optogenetik, bei der lichtempfindliche Proteine in die Neuronen eingebracht werden, sodass sich diese Zellen durch Lichtreize fernsteuern lassen. Regte man in dem Versuch das dorsolaterale Striatum der Ratten eine halbe Sekunde an, nachdem diese im Irrgarten losfgelaufen waren, bewegten sie sich zielstrebig auf die Position. Offenbar war es für die Ratten zur Gewohnheit geworden, immer an derselben Stelle abzubiegen. Blockierte man hingegen dieses Areal im Striatum, bewegten sie sich langsamer und anscheinend unschlüssig durch das Labyrinth. Vermutlich muss das Striatum gleich zu Beginn einer Handlung aktiv sein, damit das Gehirn ein gewohnheitsmäßiges Verhaltensmuster abspulen kann.

Literatur

Crego, Adam C.G., Što?ek, Fabián, Marchuk, Alec G., Carmichael, James E., van der Meer, Matthijs A.A. & Smith, Kyle S. (2020). Complementary control over habits and behavioral vigor by phasic activity in the dorsolateral striatum. The Journal of Neuroscience, doi:10.1523/JNEUROSCI.1313-19.2019.
Kuhbandner, C. & Haager, J. S. (2016). Overcoming Approach and Withdrawal Habits: Approaching former enemies is easier than withdrawing from former friends. Journal of Experimental Psychology: General, 145, 1438–1447.