Wie die Gegend, in der man aufgewachsen ist, den Orientierungssinn beeinflusst

Es ist erwiesen, dass die kulturellen und geografischen Eigenschaften der Umwelt die Kognition und die psychische Gesundheit stark beeinflussen, denn so hat sich etwa ein Leben in der Nähe von Grünflächen als äußerst vorteilhaft erwiesen, während ein Aufenthalt in der Stadt mit einem höheren Risiko für einige psychiatrische Störungen in Verbindung gebracht wird, obwohl einige Studien auch darauf hindeuten, dass dichte sozioökonomische Netze in größeren Städten einen Puffer gegen Depressionen bieten können.

Wie sich das Umfeld, in dem man aufgewachsen ist, auf die späteren kognitiven Fähigkeiten, insbesondere den Orientierungssinn auswirkt, ist jedoch noch wenig bekannt. Coutrot et al. (2022) haben eine in ein Videospiel („Sea Hero Quest“ auf Mobiltelefonen) eingebettete kognitive Aufgabe verwendet, um die nonverbalen räumlichen Navigationsfähigkeiten von Menschen aus an die vierzig Ländern der Welt zu erfassen. Insgesamt stellte man fest, dass Menschen, die außerhalb von Städten aufgewachsen sind, besser in der Navigation sind, d. h., sie waren besser in der Lage, in Umgebungen zu navigieren, die dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind, topologisch ähnlich waren. Das Aufwachsen in Städten mit einer geringen Entropie des Straßennetzes führte zu besseren Ergebnissen auf Videospiel-Ebenen mit einem regelmäßigen Layout, während das Aufwachsen außerhalb von Städten oder in Städten mit einer höheren Entropie des Straßennetzes zu besseren Ergebnissen auf entropischeren Videospiel-Ebenen führte. Jene Menschen also, die in Städten mit einem gitterartigen Straßensystem aufgewachsen sind, haben bei dem Videospiel im Durchschnitt schlechtere Ergebnisse erzielt als jene, die aus ländlicheren Gebieten kamen. Das liegt vor allem daran, dass diese Menschen in ihre Kindheit nicht gezwungen waren, einen starken Orientierungssinn zu entwickeln, denn wenn man als Kind in einer Stadt mit Straßen aufwächst, die in einer Art Gitter oder Raster angelegt sind, muss man keinen besonderen Orientierungssinn entwickeln, denn es genügt die ungefähre Richtung zu kennen, in der das Ziel liegt, um es dann auch zu erreichen. Menschen aus ländlichen Regionen können sich hingegen nicht an die Struktur des Straßennetzes halten und sind daher generell stärker gefordert, schon früh einen ausgeprägten Orientierungssinn zu entwickeln. Die Folge davon ist, das sie sich auch später im Leben in komplexeren Umgebungen besser zurechtfinden können.

Dies ist ein Beleg für die Auswirkungen der Umwelt auf die menschliche Kognition auf globaler Ebene und unterstreicht die Bedeutung der Stadtgestaltung für die menschliche Kognition und Gehirnfunktion. Die Unterschiede im räumlichen Orientierungsvermögen sind also nicht angeboren, sondern vielmehr umweltbedingt.

Literatur

Coutrot, A., Manley, E., Goodroe, S., Gahnstrom, C., Filomena, G., Yesiltepe, D., Dalton, R. C., Wiener, J. M., Hölscher, C., Hornberger, M. & Spiers, H. J. (2022). Entropy of city street networks linked to future spatial navigation ability. Nature, doi:10.1038/s41586-022-04486-7.


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