Unterschiede zwischen Achtsamkeit und Meditation

Achtsamkeit und Meditation sind nicht das Gleiche, denn Achtsamkeit bedeutet, den Augenblick bewusst wahrzunehmen, zu beobachten, nicht zu urteilen, so etwa beim Kochen, beim Essen, beim Spazierengehen und bei anderen Alltagstätigkeiten. Man kann dabei seine Reaktionen im Körper sowie die Gedanken und Emotionen beobachten, wobei das Ziel dieser Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation ist, den Fluss der Gedanken und Emotionen zu betrachten und so mehr Verständnis für deren Mechanismus und ihrer Vergänglichkeit zu erlangen.
Die verschiedenen Arten der Meditation hingegen zielen auf innere Versenkung ab, betrachten die Gedanken- und Gefühlswelt gar nicht, sondern es geht dabei um Kontemplation, Intuition und Inspiration, indem man die Dynamik der Außenwelt zum Stillstand bringt, sodass die Stille, die dadurch entsteht, Raum für Impulse aus dem Inneren schafft.
Beide tragen jedoch dazu bei, sich und seinen Körper, seine Gefühle und sein Denken besser kennenzulernen.

Eine internationale Untersuchung (Schlosser et al.,2019) von Menschen, die regelmäßig meditieren, zeigte, dass etwa ein Viertel davon die Übungen auch immer wieder als belastend und unangenehm empfand. Das Ziel dieser Studie war es, über die Prävalenz besonders unangenehmer meditationsbezogener Erfahrungen von regelmäßigen Meditierenden zu berichten und den Zusammenhang dieser Erfahrungen mit demographischen Merkmalen, Meditationspraxis, repetitivem negativem Denken (Grübeln), Achtsamkeit und Selbstmitgefühl zu untersuchen. In der Querschnittsbefragung beantworteten mehr als tausend regelmäßig Meditierende mit mindestens zwei Monaten Meditationserfahrung auch die Frage zu besonders unangenehmen meditationsbezogenen Erfahrungen, wobei ein Viertel der ProbandInnen von besonders unangenehmen meditationsbezogenen Erfahrungen berichteten, die ihrer Meinung nach durch ihre Meditationspraxis verursacht worden sein könnten. Die Betroffenen berichteten dabei von Angstzuständen kurz nach dem Meditieren, was vor allem bei Männern und unreligiösen Menschen, auftrat. Auch bei Befragten, die viel grübelten, verschlechterte sich die Stimmung häufig nach dem Meditieren, wobei das vermutlich auch von der Meditationstechnik abhängt, denn negative Erlebnisse gab es eher bei bestimmten Zen-Techniken oder dekonstruktiven Meditationsarten und seltener bei Achtsamkeitstechniken oder Empathie-Ansätzen. Vor allem rein aufmerksamkeitszentrierte Techniken können mitunter Stress, Angst und Zweifel durchaus verstärken. Nach Ansicht der Forscher sollte man diese Ergebnisse allerdings nicht überbewerten, denn schon bisher war bekannt, das bestimmte Formen der Meditation nicht nur zur Ruhe und Entspannung führen.

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Hafenbrack & Vohs (2018) haben in einer Studie gezeigt, dass Achtsamkeitsmeditation vor allem bei Führungskräften nicht immer so wirkt, wie es manche erwarten. Zahlreiche Studien liefern zwar Belege für positive Effekte dieser Meditationsform, etwa im Zusammenhang mit Stress oder Zufriedenheit am Arbeitsplatz, bei Schlafproblemen und der Neigung zu prosozialem sowie ethisch korrektem Verhalten. Doch im Zusammenhang mit Arbeitsmotivation, also etwa um schwierige Aufgaben anzugehen und Ziele zu erreichen, braucht es einen gewissen Grad der Unzufriedenheit, wobei aber Meditation eher demotivierende Effekt hat, denn diese Entspannungstechnik reduziert die Motivation, Aufgaben wirklich anzupacken.


Übrigens: Sebastian Herrmann berichtet in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Dezember 2019, dass sogar schon Politiker auf Achtsamkeits­meditation setzen. So wird im britischen Unterhaus seit 2013 über Parteigrenzen hinweg ohne Fraktionszwang gemeinsam meditiert, und auch in Schweden, den Niederlanden, in Frankreich und sogar im US-Kongress haben Abgeordnete in den vergangenen Jahren Achtsamkeitsinitiativen gestartet. Eine einzige Studie fand allerdings keine Indizien für einen versöhnenden Effekt der Achtsamkeit.


Der Psychologe Jason Linder spricht in einem Artikel für “Psychology today” von einer Toxic Mindfulness und warnt vor den Gefahren des Achtsamkeitshypes: “Es wird weitestgehend ignoriert, dass bereits in mehr als 20 veröffentlichten Berichten oder Studien Achtsamkeits- oder Meditationserfahrungen beschrieben wurden, die so ernst oder beängstigend waren, dass sie eine zusätzliche Behandlung oder medizinische Aufmerksamkeit nach sich zogen”. Insbesondere bei Menschen mit Traumata und Depressionen kann Meditation etwa aufgrund von Flashbacks oder einer noch intensiveren, überwältigenden Wahrnehmung der inneren Vorgänge, zu einer Verschlechterung ihrer mentalen Gesundheit führen. Auch bei anderen psychischen Störungen ist nicht auszuschließen, dass Achtsamkeitsübungen negative Auswirkungen auf einige Menschen haben. Die American Psychological Association ebenso wie das US-amerikanische National Institut of Health (NIH) weisenin offiziellen Publikationen ausdrücklich darauf hin, dass Meditation gewisse psychiatrische Probleme verschlimmern kann, sodass man einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren sollte, ehe man sich darin versucht. Auch wenn man keine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten hat und keine psychische Störung diagnostiziert wurde, ist es unwahrscheinlich, dass man allein durch Achtsamkeit glücklicher und entspannter wird. Übertreibt man es mit der Achtsamkeit, besteht zudem die Gefahr, dass man das Leben schwerer und komplizierter macht als nötig und sich dadurch selbst ausbremst. Man muss daher nicht bei jedem emotionalen Impuls aufspringen und eine Atemübung machen oder seitenweise darüber in sein Tagebuch schreiben, man muss nicht jede Stimmungsschwankung verstehen, damit man psychisch gesund bleibt und am nächsten Tag wieder ausgeglichen und gut gelaunt aufwachen kann. Um Probleme wirklich zu lösen und glücklicher zu werden, braucht man in der Regel neben Achtsamkeit weitere Strategien und Fähigkeiten, etwa Mut, ein halbwegs stabiles Selbstwertgefühl, Erfahrung und vieles mehr.

Literatur

Hafenbrack, A. C. & Vohs, K. D. (2018). Mindfulness Meditation Impairs Task Motivation but Not Performance. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 147, 1-15.
Schlosser, M., Sparby, T., Vörös, S., Jones, R., Marchant, N. L. (2019). Unpleasant meditation-related experiences in regular meditators: Prevalence, predictors, and conceptual considerations. PLoS, doi:10.1371/journal.pone.0216643.
https://www.stern.de/gesundheit/achtsamkeit–die-gefahren-des-hypes–ueber-die-niemand-spricht-30675850.html (21-08-27)

Quelle

Zusammengefasst nach einem Interview mit Andreas de Bruin im Spiegel online vom 29. Dezember 2016.


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