Ratgeberliteratur zum Thema Glück

Der Psychologe Manfred Lütz führte mit Katharina Meyer von der Badischen Zeitung ein Interview zu seinem Antiratgeber “Wie Sie unvermeidlich glücklich werden”.

Er sagt darin: „Die Ratgeberliteratur schlägt eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland, hat der Soziologe Ulrich Becker einmal gesagt. Weil man sich für sich selber nicht mehr kompetent fühlt. In den Ratgebern beschreibt irgendein Autor, wie er selber glücklich wurde und lässt den Leser traurig zurück, weil der nun mal nicht der Autor ist. Dabei gibt es in Wirklichkeit sieben Milliarden Wege, glücklich zu sein. Jeder assoziiert Glück schließlich mit anderen Situationen, Gerüchen, Menschen, Landschaften. (…) Ich glaube, dass Glück etwas sehr Individuelles und Subjektives ist. Und ich glaube, dass dieses Glück als Egotrip, wie es in den Ratgebern verkauft wird, eine Sackgasse ist. (…) Wenn ich eine bestimmte Definition von Glück verbreite, dann manipuliere ich die Leser.”

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Glücksdiktat findet sich in dem gleichnamigen Buch von Eva Illouz und Edgar Cabanas, denn sie sehen, dass Glück eine Art Lifestyle geworden ist, denn wer kein Glück hat, ist selber schuld. Glück ist individualistisch und konsumorientiert geworden, und wirft die Menschen letztlich immer auf ihr Innenleben zurück, d. h., permanent sollen sie auf ihre Gefühle, Gedanken, Empfindungen usw. hören. Das ist aber eine sehr konservative Idee, die letztlich sagt, man kann sein Leben einfach dadurch ändern, dass man sich selbst ändert und nicht die Verhältnisse, in denen man lebt. Die Positive Psychologie hat sich seit den 1990er-Jahren mit ihren Lehren von Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit und der Transformation negativer Gefühle sogar im akademischen Feld etablieren können, und formte im Verbund mit Glücksforschung und Glücksökonomie Glück zu einer steuerbaren, berechenbaren und vor allem verkäuflichen Phänomen. Dieser Prozess wurde nach Ansicht der beiden Autoren methodisch von Stimmungsanalysen und digitaler Selbstvermessung, bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung und Big Data gestützt. Dadurch wurde Glück zum messbaren Gegenstand einer ganzen Industrie. Vor allem geht es um die Auswirkungen dieses Phänomens auf die Gesellschaft, denn wenn Glück höchst individualistisch aufgefasst wird, wird es als solches aber zugleich zum Index des gesellschaftlichen Gemeinwohls, sodass etwa Sozialabbau leicht zu rechtfertigen ist. Soziale Verantwortung, Empathie oder gesellschaftskritisches Denken gehen in diesem Prozess verloren, der selbst nur immer mehr Unglück erzeugt. Hinzu kommt, dass der neue Psychobürger gerade deshalb glücklich ist, weil er seine Gefühle im Griff hat, sich im “personal branding” seinem authentischen Selbst anzunähern glaubt oder nach persönlicher Optimierung strebt. Wer glücklich ist, ist selbst dafür verantwortlich, und wer leidet eben auch, denn wenn man Glück als eine Wahl versteht, dann wird auch das Leiden zu einer Wahl, denn dann leidet man entweder, weil man leiden möchte, oder, weil man es verdient hat, weil man eben nicht alles dafür tut, das Leid zu überwinden.