Persönlichkeit und Führungsverantwortung

Nach neueren Untersuchungen sitzen in den Führungsetagen von Unternehmen häufig Narzissten, wobei es zwei Arten von narzisstischer Führung gibt: den destruktiven und den konstruktiven Führungsstil. Ein destruktiv narzisstischer Führungsstil verschärft einen hohen Leistungsdruck bei einem rigiden, aber durchaus sprunghaften Führungsverhalten. Es kann ein stark verunsichernd und paranoid wirkendes Organisationsklima entstehen. Eine destruktive Form der Konkurrenz zwischen den Mitarbeitern wird auf dieser Grundlage gefördert. Bei einem konstruktiv narzisstischen Führungsstil sind die Aufgabenanforderungen sach- und mitarbeiterorientiert, die Gratifikationsangebote sind vielgestaltig, nachvollziehbar, transparent und Kommunikationsprozesse innerhalb eines Unternehmens werden durch die sozial-kommunikative Kompetenzen der Führungskraft angeschoben. Die Dimension Narzissmus reicht von der äußerst negativen über unterschiedlichste Zwischenschattierungen bis zur positiven Variante mit einem entsprechend hohem oder geringem Risiko für das Unternehmen.

Narzissten sind bei ihrer Erscheinung in Chefetagen für viele Unternehmen ein “Risiko”, wobei folgende Merkmale aus der Sicht der Persönlichkeitspsychologie für eine narzisstische Persönlichkeit kennzeichnend sind:

  • innere Armut, äußere Fassade, verunsichert, depressiv
  • sich in Szene setzen
  • alles Geschehen wird als selbstwertrelevant wahrgenommen
  • Schwanken zwischen Größenwahn und Minderwertigkeit
  • die innere Realität wird durch eine künstliche ersetzt
  • Respekt der Mitarbeiter ist wichtiger als Zuneigung
  • kann Visionen entwickeln und Begeisterung wecken
  • hohe Risikobereitschaft
  • Komplexitätsbewältigung ohne Selbstanfechtung
  • Karriere- und Machtstreben
  • Neigung zu autoritärem Führungsverhalten, manipulativ
  • Zerrform von Autonomie

Tomas Chamorro-Premuzic, Psychologe und Buchautor, schreibt in seinem Buch, dass man Narzissten Führungspotenzial zutraut. In einem ZEIT-Interview sagt er unter anderem: “Unternehmen weltweit werden von Männern geleitet. Nur ein Bruchteil aller Führungskräfte ist weiblich. Sieht man von diesem Ungleichgewicht ab, sollte man erwarten, dass die Männer, die aufsteigen, wenigstens kompetent sind. Leider ist das falsch (…). Zwar gibt es kompetente Männer, genauso wie es kompetente Frauen gibt, nur werden sie häufig nicht zu Chefs. (…) Es liegt an unserer Vorstellung von Führung, die veraltet und falsch ist. Wenn jemand ein übermäßig großes Selbstbewusstsein hat und derjenige auch charismatisch ist, vielleicht sogar narzisstische Züge hat, trauen wir dieser Person Führungspotenzial zu. Das Problem ist, dass genau das die Eigenschaften sind, die jemanden zu einem schlechten Chef machen. (…) Er handelt nach seinem eigenen Nutzen, verfolgt nur seine Ziele und sieht seine Fehler nicht. Vielleicht beschuldigt er stattdessen sogar andere. Häufig sind diese Personen trotzdem übermäßig selbstsicher, sie sind sich deshalb ihrer Grenzen nicht bewusst. Männer neigen eher dazu, diese Eigenschaften zu haben. Deshalb haben sie eher Führungspositionen. (…) Ein inkompetenter Chef lässt die Produktivität der Mitarbeiter sinken. Er sorgt für Misstrauen unter ihnen und dafür, dass sie sich unwohl fühlen. Ein solcher Chef schafft es nicht, ein Team zu motivieren und einzelne Personen dazu zu bringen, gut zusammenzuarbeiten. Bis zu 87 Prozent der US-amerikanischen Angestellten haben sich innerlich von ihrem Job distanziert, vor allem, weil sie unzufrieden mit ihren Vorgesetzten sind.”


Papageorgiou et al. (2019) haben mehrere Untersuchungen zu NarzisstInnen durchgeführt und kommen zu dem Schluss, dass dieser Persönlichkeitstyp auch seine positiven Seiten hat, denn die Selbstverliebtheit oder Selbstbewunderung kann auch dazu führen, dass narzisstische Menschen mental stark sind, sich weniger gestresst fühlen und weniger anfällig sind für Depressionen.

Literatur

Papageorgiou, Kostas A., Gianniou, Foteini-Maria, Wilson, Paul, Moneta, Giovanni B., Bilello, Delfina & Clough, Peter J. (2019). The bright side of dark: Exploring the positive effect of narcissism on perceived stress through mental toughness. Personality and Individual Differences, 139, 116-124.