Die Fähigkeit des menschlichen Gehirns zur Neuroplastizität – also zur strukturellen und funktionellen Anpassung an neue Anforderungen oder zur Kompensation von Schäden – scheint maßgeblich durch das Körpergewicht beeinflusst zu werden. Aktuelle Forschungen,von Christova & Garcia (2026) deuten darauf hin, dass sowohl extremes Übergewicht (Adipositas) als auch extremes Untergewicht (Anorexia nervosa) die kognitive Leistungsfähigkeit und spezifische Lernprozesse beeinträchtigen können.
Bei Adipositas zeigen bildgebende Verfahren vorzeitige strukturelle Veränderungen im Gehirn, die normalerweise erst im höheren Alter auftreten. Diese betreffen insbesondere die Nervenzellen und Leitungsbahnen, die für das Gedächtnis und das motorische Lernen essenziell sind. Studien an Kindern mit Adipositas belegen zudem reduzierte motorische und kognitive Leistungen im Vergleich zu normalgewichtigen Gleichaltrigen. Da Adipositas primär eine Stoffwechselstörung darstellt, wird vermutet, dass ein Ungleichgewicht entzündungsfördernder Botenstoffe die Gehirnaktivität negativ beeinflusst. Mittels transkranieller Magnetstimulation und speziellen Reaktionstests (z. B. Serial Reaction Time Task) wird untersucht, inwieweit die neuroplastische Reorganisationsfähigkeit, etwa nach einem Schlaganfall, bei adipösen Menschen eingeschränkt ist.
Im Bereich des extremen Untergewichts, insbesondere bei der Anorexia nervosa, liegt ein Fokus der Forschung auf dem unbewussten, Feedback-basierten Lernen. Pilotstudien zeigen, dass Betroffene beim sogenannten impliziten Lernen, also einem Prozess, bei dem Informationen ohne bewusste Anstrengung durch Rückmeldungen aufgenommen werden, schlechter abschneiden als Normalgewichtige. Dies lässt sich beispielsweise durch „Wettervorhersage-Tests“ nachweisen, bei denen Probanden durch Versuch und Irrtum ein intuitives Verständnis für Wahrscheinlichkeiten entwickeln müssen. Ein gestörtes Gleichgewicht der Neurotransmitter sowie der enorme Energiemangel des Gehirns bei Magersucht werden als Ursachen für diese Defizite diskutiert. Diese Erkenntnisse haben unmittelbare klinische Relevanz: Da Feedback-basierte Verhaltenstherapien bei Anorexie-Patienten oft weniger effektiv sind, gewinnen alternative Ansätze an Bedeutung. Statt auf intuitive Belohnungssysteme zu setzen, fokussiert sich die Therapie verstärkt auf explizites Lernen durch klare Strukturen, Regeln und Bewusstmachung, wie etwa durch strikte Essenspläne und Verhaltensprotokolle.
Literatur
Christova, M., & Garcia, S. L. (2026). Einfluss von Körpergewicht auf die Neuroplastizität und kognitive Lernprozesse. Medizinische Universität Graz.
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