Hunger und Heißhunger

Hunger ist der Ruf des Körpers, etwas zu essen, Energie aufzunehmen, wobei dann, wenn man genug Energie aufgenommen hat, unzählig fein justierte chemische und hormonelle Abläufe im Körper signalisieren, es ist genug, das Essen wieder einstellen. Das ist funktioniert normalerweise dann, wenn man in Balance ist. Heißhunger aber bedeutet, dass der Hunger größer ist als das, was man im Augenblick an Energie braucht bzw. verbrauchen, sodass das Mehr an aufgenommener Nahrung sich im Körper als Energiereserve ablegt. Heißhunger ist meist ein Zeichen von Mangel, ein Mangel an Zuwendung, ein Mangel an Schlaf, ein Mangel an Entspannung, ein Mangel an Licht, und in achtzig Prozent der Fälle ein Mangel an einem Nährstoff im Körper. Das Gehirn ist etwa irritiert, wenn Zucker im Blut fehlt, sodass man dann nervös wird und Heißhunger bekommt. Forscher haben festgestellt, dass ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren genauso heißhungrig macht wie ein Mangel an Eiweiß, Vitaminen oder Mineralien. Daher schafft jede Diät, die stark an Kalorien einspart, eine Notsituation, aus der heraus der Körper ganz natürlich mit mehr Hunger reagiert. Zu achtzig Prozent hat der Heißhunger biochemische Ursachen, in erster Linie Probleme mit dem Zuckerstoffwechsel, denn normalerweise ist Heißhunger eine lebensrettende Maßnahme, denn sinkt der Blutzucker, geht dem Gehirn der Zucker aus, und es weiß, dass es nach einer Zeit ohne Zucker abstirbt. Den häufigsten Heißhunger macht man sich mit dem Essen, denn es reichen kleine Portionen von Knabbereien, um den Blutzucker schnell ansteigen und dann rasant abfallen zu lassen, da Unterzuckerung Heißhunger auf Süßes macht.

Zusammengefasst nach einem Interview mit der Autorin in der Augburger Allgemeinen vom 13. März 2012

Hunger verursacht schlechte Laune und macht manchmal aggressiv

Viele Menschen haben bei Hunger häufig schlechte Laune, wobei dieser Gemütszustand in diesem Fall vom Blutzuckerspiegel bestimmt wird, denn wenn dieser ausreichend hoch ist, kann man sich in der Regel gut konzentrieren und ist eher ausgeglichen. Mit fallendem Blutzuckerspiegel geht das Gehirn in eine Art Energiesparmodus über, d. h., man kann zwar weiter denken, machen aber mehr Fehler und auch die Freundlichkeit gegenüber den Mitmenschen in der Umgebung lässt allmählich nach, denn aus der Sicht des Gehirns kostet Freundlichkeit nur unnötig Energie. Bleibt der Nachschub an Glukose in Form von Nahrung weiter aus, sendet das Gehirn Signale an andere Organe und fordert diese indirekt auf, Glukose selbst zu produzieren, wobei dann bei der Glukose-Produktion zusätzlich Stresshormone freigesetzt werden. Dieser Kreislauf ist möglicherweise evolutionär bedingt, denn ein hungriger und schlecht gelaunter Mensch war bei der Jagd aggressiver und vermutlich erfolgreicher als ein hungriger und gut gelaunter Jäger.

Late-Night-Snacking

nockerlAls Late-Night-Snacking bezeichnet man das Phänomen, dass viele Menschen nachts aufwachen und mit Heißhunger den Kühlschrank plündern. Nach Untersuchungen ist das nicht nur eine schlechte Angewohnheit oder mangelnde Selbstdisziplin. Im Rahmen einer Studie hat man mittels Magnetresonanztomographie untersucht, wie das Gehirn auf Bilder von Nahrungsmitteln zu unterschiedlichen Tageszeiten reagiert, wobei sich zeigte, dass Bilder mit kalorienhaltigen Lebensmitteln tagsüber eine höhere Gehirnaktivität erzeugen als am Abend. Offensichtlich hat auch die Tageszeit Einfluss auf neuronale Reaktionen, denn Abbildungen sowohl von kalorienarmen Lebensmitteln (Gemüse, Obst, Fisch, Getreide) als auch von kalorienreichen (Süßigkeiten, Backwaren, Speiseeis, Fast Food) erzeugen neuronale Reaktionen im Belohnungszentrum, wenn die Bilder am Tag gezeigt werden, sodass in der Nacht das weniger aktive Belohungszentrum dazu führt, dass man mehr essen möchte, um sich gleich befriedigt zu fühlen.

Heißhunger durch Zuckerersatzstoffe

Zuckerersatzstoffe wie Aspartam, Saccharin oder Sucralose sind nicht nur in Light-Getränken, sondern auch in Fertiggerichten, Nachspeisen und vielen Backwaren enthalten, doch sollte man auf diese nach Expertenmeinung weitgehend verzichten, da Süßstoffe das menschliche Gehirn täuschen, denn die süße Nahrung im Mund verspricht dem Gehirn fälschlicherweise, dass gleich energiereiche Kohlenhydrate in den Stoffwechsel kommen, doch bleibt dieser versprochene Energieschub aus, womit das Gehirn nicht umgehen kann und beginnt, diese unklare Situation als Hungerkrise zu deuten und mehr Nahrung einfordert, d. h., man bekommt Heißhunger. Hinzu kommt der nicht unbedeutende psychologische Effekt, dass man glaubt, mit Light-Getränk Kalorien gespart zu haben, und kompensiert diese scheinbare Ersparnis durch zusätzliche Nahrungsaufnahme, denn man kann es sich ja leisten. Langfristig können solche Ersatzstoffe sogar Diabetes auslösen, denn die Aufnahme von Zuckerersatzstoffen, die eigentlich den Zuckerstoffwechsel schonen sollte, verändert diesen. So zerstört etwa Süßstoff die Darmflora, indem es zu einer Zunahme jener Bakterien kommt, die vermehrt Kohlenhydrate abbauen, d. h., man beginnt, mehr Kalorien aufzunehmen, auch wenn man gar nicht mehr isst als sonst.

Unter dem Begriff Zucker wird ja eine Reihe von Substanzen zusammengefasst, die dem menschlichen Körper als Brennstoff dienen, wobei bei der Einnahme das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird, was dafür sorgt, dass man sich wohlfühlt. Dabei lösen Zucker und künstliche Süßsstoffe dasselbe Geschmackserfassungssystem aus, indem im Mund die Moleküle die Rezeptoren für die Geschmacksrichtung süß aktivieren und dadurch Signale auslösen, die zu dem Areal des Gehirns gesendet werden, der für die Verarbeitung von Süße zuständig ist. Tan et al. (2020) haben nun am Mausmodell nachgewiesen, dass Zucker wie auch alle anderen süß schmeckenden Dinge zwar die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge ansprechen, andererseits aber noch eine wesentlich direktere Verbindung in das menschliche Gehirn besitzen, indem ausgehend vom Darm ein völlig separater neurologischer Weg über den Vagusnerv eingeschlagen wird. Gelangen Zuckermoleküle bei der Verdauung in den Darm, sendet dieser direkt Signale ins Gehirn, die nach mehr verlangen, wobei dieser Signalweg exklusiv ist, denn er reagiert ausschließlich auf Zuckermoleküle und nicht auf künstliche Süßstoffe. Wurde den Mäusen der Zucker direkt über den Darm und nicht den Mund verabreicht, reagierten sie ebenfalls nur bei echtem Zucker. Die Areale im Gehirn wurden nur bei Glukose aktiviert, einem der zwei Bestandteile von echtem Zucker. Weder auf Süßstoffe noch auf den Fruchtzucker Fruktose, der ebenfalls im Haushaltszucker enthalten ist, reagierten die Nervenzellen. Bestätigt wurde das dadurch, als man die Nervenbahn zur Übertragung trennte, denn dann gab es im Hirnstamm auch keine Reaktion mehr auf den Zucker und das Verlangen der Mäuse nach gesüßtem Wasser ließ nach. Man geht davon aus, dass die Kombination aus Süße im Mund und der Nervenzellenaktivierung durch den Darm den Tieren hilft, zuckerreiche Nahrungsquellen zu finden. Zucker kann daher eine einzigartige Kontrolle über das Gehirn ausüben, wobei schon eine Studie aus dem Jahr 2008 gezeigt hatte, dass Mäuse, die gar keine Süße schmecken können, trotzdem Zucker bevorzugten. Das bedeutet, dass Zucker und Süßstoff beim Schmecken genau gleich wirken, doch Zucker beeinflusst das menschliche Verhalten auf eine Weise, wie es künstlicher Süßstoff nicht kann.

Literatur

Stangl, W. (2017). Haushaltsdroge Industriezucker?. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/SUCHT/Zucker.shtml (2017-07-15).
Tan, Hwei-Ee, Sisti, Alexander C., Jin, Hao, Vignovich, Martin, Villavicencio, Miguel, Tsang, Katherine S., Goffer, Yossef & Zuker, Charles S. (2020). The gut–brain axis mediates sugar preference. Nature, doi:10.1038/s41586-020-2199-7.

Siehe dazu auch Richtig abnehmen geschieht im Kopf!