Gehirngröße und Fleischkonsum

Viele wesentliche menschliche Merkmale wie größere Gehirne treten erstmals beim Homo erectus auf. Die Entwicklung dieser Merkmale wird gemeinhin mit einer grundlegenden Ernährungsumstellung in Verbindung gebracht, die mit einem erhöhten Verzehr von Fleisch einherging. Frühe archäologische Stätten, die Beweise für Fleischfresser enthalten, liegen vor dem Auftreten von Homo erectus, aber größere, gut erhaltene Stätten erscheinen erst nach der Ankunft von Homo erectus.

Dieses qualitative Muster ist ein Schlüsselthema für den Standpunkt „Fleisch hat uns menschlich gemacht“, aber die Daten von Stätten in ganz Ostafrika wurden bisher nicht quantitativ zusammengefasst, um diese Hypothese zu testen.

Das Auftreten des Homo erectus kurz nach 2,0 Millionen Jahren wird weithin als Wendepunkt in der menschlichen Ernährungsentwicklung angesehen, wobei der erhöhte Verzehr von tierischem Gewebe die Entwicklung eines größeren Gehirns und Körpers sowie eine Umstrukturierung des Darms vorantrieb. Die Zunahme von Größe und Anzahl der zooarchäologischen Funde nach dem Auftreten von Homo erectus wird oft als zentraler archäologischer Beweis für die zunehmende Fleischfresserei dieser Spezies angeführt, aber diese Charakterisierung muss noch genauer untersucht werden.

Eine weit verbreitete Ernährungsumstellung, die zum Erwerb von Schlüsselmerkmalen bei Homo erectus führte, sollte in den zooarchäologischen Aufzeichnungen über die Zeit hinweg bestehen bleiben und kann nur durch eine breit angelegte Analyse, die über einzelne Fundorte oder Lokalitäten hinausgeht, überzeugend nachgewiesen werden.

Barr et al. (2022) haben eine quantitative Synthese der zooarchäologischen Aufzeichnungen im östlichen Afrika durchgeführt und zeigen, dass mehrere Näherungswerte für das Vorkommen von Fleischfressern unter den Homininen stark davon abhängen, wie gut die Fossilien erfasst wurden, was die zooarchäologische Sichtbarkeit von Fleischfressern unter den Homininen einschränkt. Bereinigt man den Probenahmeaufwand, so ist zwischen 2,6 und 1,2 Mio. Jahren kein nachhaltiger Anstieg der Belege für die Fleischfresserei von Homininen zu verzeichnen. Diese Beobachtungen widerlegen Erklärungen, die anatomische und Verhaltensmerkmale mit dem erhöhten Fleischkonsum des Homo erectus in Verbindung bringen, und deuten darauf hin, dass wahrscheinlich andere Faktoren für das Auftreten seiner menschenähnlichen Merkmale verantwortlich sind.

Literatur

Barr, W. Andrew, Pobiner, Briana, Rowan, John, Du, Andrew & Faith, J. Tyler (2022). No sustained increase in zooarchaeological evidence for carnivory after the appearance of Homo erectus. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119, doi:10.1073/pnas.2115540119.


Nachricht ::: Stangls Bemerkungen ::: Stangls Notizen ::: Impressum
Datenschutzerklärung ::: © Werner Stangl :::



Schreibe einen Kommentar