Emanzipierte Psychotherapie

Die Psychotherapeutin Grubner (2019) stellt die These auf, dass die Psychotherapie noch nie in neutraler, also unpolitischer und machtfreier Position gewirkt hat, sondern immer schon politisch war und auch heute noch ist. Psychotherapie ist nach ihrer Meinung nicht neutral und unabhängig, denn das Konstrukt Psyche ist eine ahistorische Entität und war dementsprechend schon immer vorhanden. Tatsächlich sei die Psyche erst im Laufe des Kapitalismus auf ein entsprechendes Realitätsniveau gehoben worden, im Sinne einer ko-konstitutiven Entwicklung, denn beide wurden zeitgleich zu erfahrbaren Kategorien der Moderne, sodass die Psyche selbst als Teil der kapitalistischen Logik zu verstehen ist. Das führt dazu, dass von Menschen verlangt wird, sich als unternehmerisches Selbst zu sehen, also jeden Lebensbereich einem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu unterwerfen. Dabei sollen Körper und Psyche gleichermaßen im bestmöglichen Zustand gehalten werden, woraus sich ein permanentes Streben nach Selbstverbesserung gibt, das die heutigen Psychotherapieangebote bereitwillig anbieten: Ziele erreichen, persönlich wachsen, Potentiale entfalten. Die moderne Psychotherapie kann sich kaum aus diesem politischen Korsett lösen und emanzipieren, denn dazu wäre ein Hinterfragen der politischen Verhältnisse notwendig, mit denen sie aber auf das Engste verbunden ist. Man müsste daher in der Psychotherapie nach Ideen und Denkansätzen Ausschau halten, die die neoliberale Ideologie erschüttern oder zumindest in einigen Aspekten überschreiben könnte. Dies ist auch schon deshalb notwendig, da PsychotherapeutInnen täglich mit den Leidenszuständen einer ökonomisierten Subjektivität konfrontiert werden.

Literatur

Grubner, Angelika (2019). Die Verstrickung von Psychotherapie und neoliberaler Politik.
Psychologie & Gesellschaftskritik, 42, 7–23.