Das Gehirn gibt den gleichen Takt beim Lesen und beim Hören bzw. Sprechen vor

Sowohl beim Sprechen als auch beim Zuhören verarbeitet bzw. produziert das menschliche Gehirn die Informationen in einem bestimmten Takt, wobei in jeder Sprache eine Zuhörerin bzw. ein Zuhörer ungefähr eine Informationseinheit (Silben, Wörter) in 200 Millisekunden erkennt, d. h., das Sprachsignal ist also durch eine vorherrschende Modulation des Amplitudenspektrums zwischen etwa 4,3 und 5,5 Hz gekennzeichnet. Interessanterweise ist diese Zeitspanne auch die typische Dauer der Augenfixation beim Lesen von Buchstabenschriften – nur bei Zeichenschriften dauert es mit etwa 250 Millisekunden länger.

Gagl et al. (2021) haben angeregt durch diese Beobachtung gezeigt, dass deutsche Leser geschriebenen Text mit ~5 Hz abtasten. Eine Meta-Analyse von 142 Studien aus 14 Sprachen bestätigte dieses Ergebnis und zeigte, dass die Abtastfrequenzen in den verschiedenen Sprachen zwischen 3,9 Hz und 5,2 Hz variieren, wobei diese Variation systematisch von der Komplexität der Schriftsysteme abhängt, also ob es sich um zeichenbasierte oder alphabetische Systeme handelt und davon, wie deutlich die orthographischen Klarheit ausgeprägt ist.

Schließlich konnten Gagl et al. (2021) empirisch eine positive Korrelation zwischen dem Sprachspektrum und der Augenbewegungsabtastung bei gering qualifizierten nicht-muttersprachlichen LeserInnen nachweisen, wobei eine Post-hoc-Analyse vorläufige Hinweise auf die gleiche Beziehung bei gering qualifizierten muttersprachlichen Lesern lieferte.

Auf der Grundlage dieser übereinstimmenden Belege vermuten die AutorInnen, dass die Sprachverarbeitungssysteme des menschlichen Gehirns während des Lesens eine bevorzugte Verarbeitungsgeschwindigkeit besitzen, wobei die Geschwindigkeit der gesprochenen Sprachproduktion und -wahrnehmung auf das okulomotorische System übertragen wird. Dadurch fungiert das Gehirn als eine Art Taktgeber für die Verarbeitungsgeschwindigkeit sowohl beim Hören bzw. Sprechen als auch beim Lesen.

Übrigens: Bei geübten LeserInnen bewegen sich die Augen schneller über den Text als bei den ungeübten, d. h., ein guter Leser kann diesem natürlichen Takt entkommen, indem er in der Leserichtung mit den Augen vorauseilt und so mehr Text aufnehmen und verarbeiten. Diese vorwegnehmenden Vorverarbeitung ist auch der Schlüssel zu rascherem Lesen, worauf auch die einschlägigen Schnellleseprogramme setzen.

Literatur

Gagl, Benjamin, Gregorova, Klara, Golch, Julius, Hawelka, Stefan, Sassenhagen, Jona, Tavano, Alessandro, Poeppel, David & Fiebach, Christian J. (2021). Eye movements during text reading align with the rate of speech production. Nature Human Behaviour, doi:10.1038/s41562-021-01215-4.


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