Katholische Kirche und Sexualität

Nach Aussagen von Reinhard Haller können nicht einmal zehn Prozent der katholischen Priesteranwärter ein zölibatäres Leben durchhalten, denn wenn Sexualität unterdrückt werde, führt dies zu „Notlösungen, denn die Sexualität ist eine enorme Macht.

„Wir müssen davon ausgehen, dass sie diejenige Kraft ist, die die Menschheit zusammen mit der Aggressivität voranbringt, und jeder Mensch ist dem, wenn man so will, ausgesetzt oder er kann es im positiven Sinne nutzen. Wenn nun das unterdrückt wird, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder entsteht in Art eines Dampfkessels ein pathologischer Grund, aus dem heraus dann alles Mögliche entsteht mit sexuellen Übergriffen, mit sexuellen Notlösungen, oder es könnte auch gelingen, im positiven Fall, dass man diese Kraft der Sexualität positiv verwandelt, also in sportliche Leistung, in künstlerischen Wettkampf und so weiter umwandelt, was aber, glaube ich, nur den wenigsten Menschen tatsächlich möglich sein wird. (…) Das Hauptproblem besteht meines Erachtens darin, dass die Menschen insbesondere in der katholischen Kirche darauf nicht vorbereitet werden. Sie werden gleichsam mit diesem Gebot konfrontiert, sollten danach leben, sind aber darauf überhaupt nicht vorbereitet, gerüstet, haben nichts mitbekommen, womit sie lernen könnten damit einigermaßen konstruktiv umzugehen. In anderen Religionen wird das etwas anders gehandhabt: Im Buddhismus zum Beispiel versucht man tatsächlich durch jahrelange Übungen, die Mönche darauf vorzubereiten, dass sie in sich das ganze Triebhafte tragen, dass demgegenüber auch das Durchgeistigte, das Transzendentale steht, und wie man diese beiden Kräfte sozusagen gegeneinander nicht ausspielt, sondern miteinander vereinen kann. Und das fehlt in der katholischen Kirche vollkommen, wie überhaupt in der ganzen Ausbildung Sexualpsychologie keine Rolle spielt. (…) Das Sündig-Sein spielt a priori in der katholischen Lehre eine ganz große Rolle und belastet, neurotisiert und traumatisiert in manchen Fällen auch die Menschen natürlich. Ich möchte aber ausdrücklich sagen, Zölibat an sich führt natürlich nicht zur Pädophilie, Pädophilie hat eine ganze Reihe von anderen Gründen. Aber Zölibat bedingt, dass die Menschen zu Notlösungen greifen und natürlich sind dann, wenn ich das so lieblos sagen darf, manchmal keine anderen, reifen, adäquaten, freiwilligen „Sexualobjekte“, unter Anführungszeichen, vorhanden und dann wird die ganze Macht der Sexualität eben auf hilflose Opfer, auf die Kinder umgeleitet und auf Kosten derer ausgelebt. (…) Es geht zunächst einmal darum, dass die Kirche ihre ablehnende Haltung gegenüber allen Kenntnissen der Psychotherapie, der Psychologie, der Psychoanalyse und so weiter revidiert, dass sie das nicht als Konkurrenz oder als etwas Feindliches erlebt, sondern als ein Hilfsmittel, das auch für die Seelsorge in ihrer gesamten Dimension von größter Wichtigkeit ist. Es ist des weiteren meines Erachtens erforderlich, dass man diese Menschen mit Methoden der Gruppenpsychologie, der Schulung über Verhaltenstherapie und so weiter auf diese, auf das Zölibat vorbereitet, und nur dann hat man wahrscheinlich auch eine Chance, das in einer solchen Form den Menschen vermitteln zu können, dass sie nicht auf Kosten anderer diese Lebensweise führen“.

Siehe dazu auch Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche

Schuldgefühle und Sexualität

Sexualität scheint per se eine heikle Sache zu sein und grundsätzlich mit einer archaischen Befleckungsangst verbunden. Die Vorstellung, dass es da etwas Reines und Unreines gebe im Zusammenhang mit dem Sex, oder ein Zuviel und Zuwenig, ist jedenfalls recht alt; und das Lob der Keuschheit ist keine Erfindung des Christentums. Das antike Griechenland verschrieb sich dem Motiv der Mäßigung. Hier ist noch keine Sünde im Spiel, oder Schuld, aber bisweilen eine Verachtung des Körperlichen. Im frühen Christentum verbanden sich diese antiken Motive mit einem gnostisch-dualistischen Weltbild des Kampfes Gut gegen Böse und der Vorstellung vom sündigen Menschen. In Endzeiterwartung verdammte der Apostel Paulus zwar nur die Unzucht, nicht die Ehe. Aber besser als die Ehe sei eben die Keuschheit, meinte er. Ein paar hundert Jahre später verstärkte der Kirchenvater Augustinus dieses Motiv zum typisch christlichen Muster sündiger Geschlechtlichkeit. Eine berühmte Stelle der Confessiones erzählt, dass ihm die Umkehr zum geistlichen Leben mit einem Paulus-Zitat gelang: „Ziehet an den Herrn Jesus Christus und hütet euch vor fleischlichen Gelüsten.“ Und auch sonst deutet Augustinus Keuschheit als den Willen Gottes: „Du befiehlst uns Enthaltsamkeit.“ Vermutlich erscheint Sex auch deshalb als „sündig“ (also ungehorsam gegen Gott), weil weltliche Lust dazu verleitet, den christlichen Gott, der ja ein Liebender ist, zu vergessen: „Denn zu wenig liebt dich, wer neben dir noch ein anderes liebt, das er nicht um deinetwillen liebt.“

Unbestreitbar haben Paulus und Augustinus der Sexualauffassung abendländischer Tradition einen gewissen negativen Twist gegeben und eine Entwicklung eingeleitet, in deren Verlauf Sexualität auch zum intimen Gegenstand der Gewissensprüfung, also des „Schuldregisters“, wurde, bis hin zur Verdammung „sündiger Gedanken“. Als befleckend gilt der Sexualakt in christlicher Tradition auch, weil er qua Fortpflanzung die Erbsünde weiterträgt. Wie lautet die alte Umschreibung fürs erste Mal: „die Unschuld verlieren“. Was für ein Wort: „Un-Schuld“. Als gebe es kein Gegenteil der Schuld, sondern nur ihre Negation.

Bedrückender als das Schuldgefühl, um das man weiß, ist aber dasjenige, das verborgen bleibt. Gefährlicher als die Schuld, die man spürt, ist die, die man vermeintlich nicht hat. Was die Verknüpfung von Schuld und Sex angeht, hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Psychoanalyse das Erbe der Kirche angetreten – niemand behauptet den Zusammenhang so stark wie sie. Freud sieht den ödipalen Inzestwunsch und die Angst vor seiner Bestrafung – also den „Kastrationskomplex“ – am Ursprung des Schuldgefühls, das, selbst verdrängt, sich als Neurose und Symptom dann seinen Weg nach außen bahnt. Interessanterweise entsteht dieser Theorie zufolge das Schuldgefühl gerade nicht aus der gelebten Sexualität, sondern aus der ungelebten: aus einer Triebhemmung. Die Macht des Über-Ich nährt sich, so die Vermutung, auch aus der verdrängten kindlichen Wut auf das Gesetz, das heißt, der Treibstoff für die sadistische Gewissensangst kommt nicht unbedingt von außen. Jedenfalls hat die frühe Psychoanalyse so eine Erklärung für das Paradox, dass ein schlechtes Gewissen oft umso größer ist, je weniger real passiert. Schuldgefühle entstehen demnach vor dem Sex, nicht nachher (Roedig, 2016).

Quellen

Katrin Heise im Gespräch mit Reinhard Haller.
WWW: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1148226/ (10-03-23)
Roedig, A. (2016). Alles gut bis auf die Syphilis. Der Standard vom 10. September 2016.