Wo sich Schamanismus und Psychologie treffen

Schamanische Heiler sind in erster Linie Bauern oder Hirten, d. h., sie leben ihre Heilrituale innerhalb ihres bäuerlichen Lebens, denn ist die Kuh oder der Nachbar krank, so wird mit auf die konkrete Situation abgestimmten Ritualen der Einklang wieder hergestellt. Die meisten beherrschen schon mit fünfzehn Jahren die zum Überleben notwendigen Fertigkeiten, entwickeln aber mit der Zeit besondere Rollen, die sich mit Alter und Erfahrung verändern. Solche schamanischen Heilrituale beziehen das ganze Feld mit ein, also Nachbarn, Tiere, Pflanzen, und die zu Heilenden und deren Familie, alle, auf die sich die Krankheit bezieht, nehmen perso?nlich oder stellvertretend in Form von Symbolen oder Puppen am Ritual teil. Sie erhalten Aufgaben, deren genaue Durchführung auch zu Haltungsveränderungen führt. Oft werden besondere Pflanzen aus weit entfernten Gegenden geholt, d. h., alle suchen gemeinsam einen heiligen Ort auf, fasten und ziehen sich für eine Weile in die Stille zurück. Mit einer Aufgabe zu gehen, spielt dabei eine wichtige Rolle, die zur täglichen Lebensbewältigung hinzukommt. Bewegung in der Natur im Dienste der Gesundung sind ein in der Naturmedizin wesentliches Element.

Viele zur Heilung beitragenden Elemente findet man auch im psychotherapeutischen Setting, etwa die Heilung als Gruppenerfahrung, die Verwendung von Stellvertretern oder Symbolen, die Rollen-Zuweisungen im Rahmen des Rituals oder die Kontinuität der Zusammenkünfte.

1.   Die Unterschiede

Im schamanischen Weltbild gibt es zwei Grundannahmen. Die erste davon lautet: Außer der sichtbaren, gibt es noch andere Welten. Das bedeutet, dass man Tote, Dämonen und mächtige Geistwesen um Schutz, Hilfe, Kraft, Heilung oder um Erkenntnis bitten kann. Die zweite Grundannahme besagt: Alles ist Teil eines Ganzen. Es wird hier die Unterscheidbarkeit des Einzelnen vom Andren nicht geleugnet, aber grundlegend ist trotzdem, das Alles mit Allem verbunden ist, indem der ganze Kosmos wie ein einziger Organismus gesehen wird. Es werden aber beide Grundannahmen seit Beginn der Neuzeit in Frage gestellt, da sie aus wissenschaftlicher Sicht kaum haltbar sind. (vgl. Thalhamer, 2008, S. 37).

2.    Am Ende des Mittelalters: Trennung von Spiritualität und Heilung

Bis zum ausgehenden Mittelalter wurden Medizin, Mathematik, Kunst, Philosophie, Theologie, Mystik für verschiedene Ausprägungen des Seins gesehen. Auch die schamanische Tradition war noch weit verbreitet und nicht fremd. Danach begann die Trennung dieser Disziplinen. Es wurden neue Universitäten gegründete, deren Ärzte für das Heil des Körpers zuständig waren. Die Kirche war fort an für das Heil der Seelen zuständig, und es überlebten nur wenige Vertreter des Schamanismus diese Zeit. (vgl. Thalhamer, 2008, S. 37).

Die Renaissancezeit sah den menschlichen Verstand als oberstes Prinzip, danach folgte die Aufklärung im 18. Jhd., die das Denken, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei endgültig durchsetzte. Dies hatte eine Abwertung der Gefühls- und Triebwelt zufolge. Die spirituellen und religiösen Auffassungen des Menschen verloren ebenfalls an Bedeutung. Daraus resultierte eine sich bis heute in den Industriegesellschaften befindliche Sinnesleere. (vgl. Thalhamer, 2008, S. 37).

3. Uraltes in neuer – säkularisierter – Form?

In den 1930iger Jahren wird besonders durch Freuds Psychoanalyse das uns steuernde Dritte – von Freud als „Unterbewusstsein“ bezeichnet – salonfähig gemacht. Heute befassen sich die psychologischen Behandlungen nicht nur mit der Psychoanalyse sondern auch wie zum Beispiel die „Transpersonale Psychologie“ mit der Einordnung des Ich in das große Ganze. „Offensichtlich verfolgen beide Seiten das gleiche Ziel. Beide öffnen tief verborgene Seiten der individuellen Geschichte, die heilende Aufmerksamkeit benötigt. Beide vermitteln eine Energiezufuhr, durch die das Leben wieder ins Fließen kommen kann.“ (Somé, 2006, zit. nach Thalhamer, 2008, S. 38).

4. Schamanische Behandlung ist Heilung in Trance mit Hilfe der Weisheit des Unbewussten

„Wenn sie Ihr Unbewusstes treffen, grüßen Sie es von mir!“ (Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose, 1989, zit. nach Thalhamer, 2008, S. 38). Der Begriff „Das Unbewusste“ sagt bloß aus, dass seine Vorgänge und Inhalte nicht gewusst sind, diese aber durch viele verschiedene Möglichkeiten bewusst gemacht werden können. „Wenn man als PsychologIn von den riesigen Ressourcen überzeugt ist, die im Menschen liegen, und wird man therapeutisch oder beratend immer wieder darin bestätigt, kommt einem die schamanische Auffassung nicht mehr so fremd vor.“ (Thalhamer, Psychologie in Österreich, 2008, S. 39).

5. Wird nun geheilt mit Hilfe von Geistwesen oder Weisheit des Unbewussten?

Oft werden auch von Schamanen diese zwei, auf den ersten Blick kontroversen, Sichtweisen verbunden. Denn auf beiden Seiten gibt es ähnliche Therapien, wie zum Beispiel die „Internalisierung“ in der Tiefenpsychologie und auf der schamanischen Seite die Projektion von Persönlichkeitsanteilen nach außen. Jeder soll bei seiner Wirklichkeitskonstruktion bleiben und kann somit auch am besten damit arbeiten. (vgl. Thalhamer, 2008, S. 39)

6. Das Reich der Seele und der Geistwesen ist eins

„Die Welt der Geistwesen, mit denen man während des Reisens in Kontakt kommt, ist nichts Anderes als die Landschaft des kollektiven Unbewussten“ (Gagan, 2000, zit. nach Thalhamer, 2008, S. 40). Der Unterschied zwischen Psychotherapien und schamanischer Heilbehandlung ist, dass die helfenden Elemente im Fall der Psychotherapie als Persönlichkeitsanteile und aus schamanischer Sicht als Geistwesen außerhalb der eigenen Person gesehen werden.

7. Das selbe – in verschiedenen Sprachen ausgedrückt

Theoretische Erklärungen, Rituale und Bilder sind sehr verschieden aber auch die Richtigkeit ist schwer zu bestimmen, da es ist, als wenn man das Gleiche in verschiedenen Sprachen ausdrücken möchte. Eine Auseinandersetzung mit uralten Heilformen kann zusätzlich zu bewährten Behandlungsmethoden neue Denkweisen und Praktiken herbeiführen.

„Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt. Und um das zu verändern, was wir sehen, müssen wir manchmal das verändern, was wir glauben“ (Narby, 2001, zit. nach Thalhamer, 2008, S. 41)

Verwendete Literatur

Thalhamer, August (2008). Wo sich Schamanismus und Psychologie treffen. Psychologie in Österreich, 36-41.