Neurowissenschaften und Psychoanalyse

Eric Laurent warnt in seinem Buch, dass die Umarmung der Psychoanalyse durch die Neurowissenschaften  tödlich enden könnte, denn obwohl sich in Sigmund Freuds Schriften zahlreiche Verweise auf naturwissenschaftlich-medizinische Befunde finden, ist heute Freud aus dem medizinwissenschaftlichen Diskurs längst verschwunden ist bzw. wird dort eher als Vertreter einer vorwissenschaftlichen Psychologie eingeordnet. In „Lost in Cognition“ kritisiert er die Übersetzung psychoanalytischer Kategorien in das Vokabular der Neurowissenschaften, denn dadurch geht etwa die Originalität des Freudschen Unbewussten, das auf keinem Lernprinzip beruht, verloren, denn bei Freud ist das Unbewusste keine Störung, sondern Ausdruck einer Wahrheit des Subjekts. Die Kritik richtet sich vehement gegen die Versuche etwa von Eric Kandel oder Antonio Damasio, die „Ich-Psychologie“ in kognitive Termini zu übersetzen. Um das Unbewusste zu fassen, bedarf es einer Innenperspektive, die in einem programmatischen Reduktionismus die objektive naturwissenschaftliche Kognitionspsychologie ausschließt. Laurents wehrt sich in Bezug auf das Psychische gegen die Messbarkeit und Evaluierung, die sich in scheinbar objektiven Klassifizierungsprogrammen wie im Diagnostic and Statistic Manual findet.

Quelle
Müller-Funk, Wolfgang (2014). Wissenschaftswelten im Widerstreit. Die Presse vom 14. März.