Musik, Emotion und Erinnerung

Musik kann bekanntlich starke Gefühle in Menschen wecken, denn es reichen nur wenige Akkorde aus einem Lied und sie beginnen in Erinnerungen zu schwelgen, wollen plötzlich tanzen oder lösen sich in Tränen auf. Musik begleitet Menschen durch das Leben und gibt dem Alltag Struktur, denn auch dort ist man von Melodien umgeben, denn oft beginnt der Tag mit der Signation einer Nachrichtensendung und geht mit der Kennmelodie einer Fernsehserie zu Ende. Dazwischen liegen Handyklingeltöne, Musik am Arbeitsplatz, die Kaufhausmusikberieselung. Diese bewusst kaum wahrgenommenen Töne schreiben sich in das Gedächtnis ebenso ein wie gezielt Gehörtes und formen eine Art akustischen Lebenslauf. Musik wirkt direkt auf unser emotionales Gedächtnis und aktiviert Erinnerungen bis in die Kindheit, wobei oft wenige Takte reichen, um das Stück zu erkennen und zu wissen, wie es weitergeht, wobei auch meist die Gefühle von damals zurück kommen.

Musik ist eine der wichtigen Möglichkeiten, Bindungen und Verbindungen mit Menschen herzustellen, was zur genetischen Ausstattung gehört. Man weiß, dass Musik Gänsehaut verursachen kann, was einen in der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Säugetiere herausgebildeten Reflex darstellt, der ursprünglich mit der Wärmeregulation zusammenhängt, die Gänsehaut verursacht. Offensichtlich hat sich dieser Reflex auf das Akustische übertragen, denn mit ihr will der Organismus innere Wärme, Nähe und Verbundenheit mit anderen herstellen. Um eine Gänsehaut zu bekommen, muss die Musik in der Regel interessant sein, einen Strukturwechsel haben und auch Neues enthalten. Besonders häufig stellt sich Gänsehaut aber bei besonders vertrauten Klängen ein, wobei hier die emotionale Reaktion mit individuellen Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen verbunden ist. Neuere Untersuchungen legen aber die Vermutung nahe, dass nicht nur Emotion im Spiel ist, denn manche Menschen bekommen beim Hören von Musik eher Gänsehaut als anderen. In einem Experiment haben Colver & El-Alayli (2016) Testpersonen Musik mit Gänsehaut-Potenzial vorgespielt, einen Fragebogen und einen Persönlichkeitstest vorgelegt. Es zeigte sich, dass diejenigen, denen Musik häufig einen Schauer über den Rücken jagt, auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, denn etwa besitzen sie eine ausgeprägte Vorstellungskraft, sind offen für neue Erfahrungen und setzen sich intensiv mit ihren Gefühlen auseinander. Damit widersprechen diese Ergebnisse der bisherigen Annahme, dass die Gänsehaut vor allem etwas damit zu tun hat, dass die Hörer eine tiefe emotionale Verbindung zur Musik besitzen, denn die Reaktion auf die Musik ist hier weniger emotional sondern mehr kognitiv. Die Testpersonen mit der Gänsehaut-Erfahrung sind vor allem sehr gut darin, sich vorzustellen, wie ein Musikstück weitergeht, was sie mit einer Kombination aus aufmerksamem Zuhören und Tagträumen machen. Wenn es in der Musik aber unerwartet Brüche in der Musik wie Steigerungen oder Tempi-Wechsel, dann ist der Schauer bei ihnen programmiert.

Beim Hören von werden im menschlichen Gehirn die selben Belohnungsmechanismen ausgelöst, wie sie auch bei Sexualität, bei dem Genießen eines guten Essens oder bei der Einnahme von Drogen auftreten, denen meist aber eine chemische Reaktion im Körper zu Grunde liegt. Offensichtlich kann Musik unabhängig von biologischen Bedürfnissen Ähnliches in den Menschen auslösen, was den neuronalen Verknüpfungen geschuldet ist, die durch Musik Erinnerungen auslösen, obwohl Musik in der Verarbeitung für das Gehirn extrem komplex ist, denn Rhythmen, Melodien und Tonhöhen müssen in der Region der Schläfenlappens miteinander kombiniert werden. Ist die Erinnerung an eine Lieblingsmusik etwa besonders positiv, wird die positive Emotion auch noch Jahre später bei ausgelöst, wenn man die selbe Musik noch einmal hört. Die dafür zuständige Hirnregion, der mittlere präfrontale Cortex, ist eine jener Areale im Gehirn ist, die funktional bis ins hohe Alter erhalten bleiben, sodass auch Menschen mit Alterserkrankungen wie Alzheimer oder Demenz darüber stimuliert werden können.

Gehirn, Gedächtnisleistung und Musik

Beim Hören von Musik wir der Schall im Innenohr in Nervenaktionsimpulse umgewandelt und vom Gehörnerv an den Hirnstamm weitergeleitet, wo er mehrfach umgeschaltet wird und schließlich als Signal den Schläfenlappen erreicht. Es gibt daher mindestens vier, meist sogar fünf Umschaltstationen, die der Schall durchläuft, bis er im Bewusstsein ankommt, wobei zusätzlich das Gehirn an jeder Station den Schall verarbeitet, filtert und ergänzt. Daraus lässt sich ableiten, dass jeder Mensch individuell verschieden Musik und generell Schall wahrnimmt. Das Ohr wird demnach nicht nur zur einfachen Schallaufnahme genutzt, sondern das Gehirn steuert mit, welche Haarzellen hinauf- und hinuntergeregelt werden, wobei die inneren Haarzellen zur Schallaufnahme dienen, während die äußeren Haarzellen die Reizaufnahme modellieren. Dadurch kann man sich auf bestimmte Reize konzentrieren und andere abschwächen, etwa auf der Straße oder in einer Menschenmenge Störgeräusche ausblenden, um genau zuzuhören, was jemand sagt (siehe dazu den Cocktailpartyeffekt).
Manchen Menschen gelingt es dabei besser als anderen, Störfaktoren auszublenden, wobei diese Fähigkeit zum Teil geerbt und zum Teil erlernt ist, denn man weiß, dass Kinder mit Musikunterricht bei der Filtersteuerung besser sind als Kinder ohne Unterricht. Wer früh mit musikalischem Training beginnt, kann daher nicht nur sein Gedächtnis verbessern und etwa Fremdsprachen leichter erlernen, sondern auch für später vorsorgen, denn Studien haben gezeigt, dass alte Menschen besser hören, wenn sie als Kind ein Instrument gelernt und ihr Leben lang musiziert haben. Durch die Musik hat das Gehirn gelernt, klangliche Reize zu schärfen und Störsignale abzudämpfen, sodass die Menschen, wenn ihr Gehör nachlässt, sich dennoch auf das Wesentliche konzentrieren können.

Alzheimer und Musikgedächtnis

Alzheimer-Patienten verlieren im Laufe der Krankheit große Teile ihres Gedächtnisses und erkenne selbst engste Angehörigen nicht mehr, jedoch ist die Erinnerung an Musik davon wenig betroffen, denn hören die Betroffenen bekannte Lieder, dann singen sie unwillkürlich mit, sogar dann, wenn sie nicht mehr sprechen können. Durch Musik lassen sich daher manchmal auch andere, verloren geglaubte Erinnerungen wieder beleben. Jacobsen et al. (2015) haben sich in einer ersten neurowissenschaftlichen Studie mit diesem Phänomen des erhaltenen Musikgedächtnisses bei Alzheimer-Patienten befasst und eine mögliche anatomische Erklärung dafür gefunden. Für die Langzeit-Musik-Erinnerung ist ein völlig anderes Hirnareal zuständig als bisher angenommen, nämlich der supplementär-motorische Cortex, der unter anderem eine Rolle beim Lernen von Handlungsabläufen oder der Steuerung komplexer Bewegungsabfolgen spielt. Es zeigte sich, dass nicht wie bisher vermutet die Temporallappen für die Musikerinnerung essentiell sind, sondern vielmehr Bereiche, die mit komplexen motorischen Abläufen assoziiert sind. Bei Alzheimer-Patienten fanden sich in diesen zwar genauso viele Ablagerungen des schädlichen Amyloid wie in anderen stark vom Schwund betroffenen Arealen, doch im Gegensatz zu diesen zeigte das Musik-Aral deutlich weniger Einbußen im Hirnstoffwechsel und schrumpfte auch viel weniger stark als andere Hirnbereiche. Die Zerstörungen durch Alzheimer gehen dadurch an den am Musik-Gedächtnis beteiligten Arealen fast spurlos vorüber, wobei das Areal des Musikgedächtnisses sogar zu jenen Gebieten mit den niedrigsten Schrumpfungsraten und Stoffwechseleinbußen im gesamten Gehirn gehört. Da dieses Gedächtnis in einem erst sehr spät und vergleichweise wenig von Alzheimer betroffenen Hirnbereich liegt, bleibt diese Fähigkeit erhalten, wobei dieses Areal zusätzlich enge Verknüpfungen mit weiteren weniger stark geschädigten Hirnarealen besitzt, die wohl dazu beitragen, Ausfälle zu kompensieren, sodass über die Musik auch andere Erinnerungen reaktiviert werden können.

Hier ähneln solche Melodien Gerüchen, die Menschen ebenfalls in die Vergangenheit zurückführen und Emotionen auslösen. Siehe dazu Geruch und Emotion.

Wirkung trauriger Musik

Taruffi & Koelsch (2014) haben in einer Studie Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu ihren Musikvorlieben befragt, wobei diese darüber Auskunft geben sollten, wie gern sie welche Musik im Allgemeinen hören, welche Musik sie in welcher Stimmung bevorzugen und wie sie sich dabei fühlen. Es zeigte sich, dass vor allem traurige Musik eine große Bandbreite komplexer Gefühle hervorruft, die durchaus auch positiv wirken können, denn bei der Wirkung der Musik auf jeden Einzelnen geht es vor allem um Mitgefühl. Es hat sich in der Studie gezeigt, dass Menschen mit hohem Einfühlungsvermögen und geringer emotionaler Stabilität besonders deutlich von trauriger Musik profitieren, denn diese hilft ihnen in besonderem Maße, ihre eigenen negativen Gefühle zu regulieren, diese einzuordnen und Trost zu finden. Menschen greifen zwar vor allem bei Kummer zu trauriger Musik, doch Kummer ist jedoch meist nicht das entscheidende Gefühl, das die Musik hervorruft, sondern Nostalgie, also eine Mischung aus Freude und Trauer, da vor allem Erinnerungen Menschen in traurige Stimmung versetzen. Menschen aus östlichen Kulturen empfinden übrigens häufig dann Ruhe und Frieden, wenn sie traurige Musik hören, wobei auch Zärtlichkeit und Übersinnliches mit traurigen Klängen verbunden wird.

Musik und Denkweise

Nach Untersuchungen (Greenberg, 2014) gibt es einen Zusammenhang zwischen Musikgeschmack und der Denkweise eines Menschen: Menschen mit einem einfühlsamen Wesen neigen eher zu ruhigeren Musikstücken wie Soft Rock, Country-Musik oder Jazz, während Menschen mit systematischer Denkweise eher zu dramatischer, schneller Musik neigen.

Quellen & Literatur

Colver, Mitchell C. & El-Alayli, Amani (2016). Getting aesthetic chills from music: The connection between openness to experience and frisson. Psychology of Music, 44, 413-427.
Greenberg, D. M. (2014). Musical Preferences and their Psychological Correlates. Paper presented at the Psychology, Sociology, and Politics Research Conference. Sheffield Hallam University, Sheffield, United Kingdom.
Jacobsen, Jörn-Henrik,  Stelzer, Johannes, Fritz, Thomas Hans,  Chételat, Gael,  La Joie, Renaud & Turner, Robert (2015). Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease. Brain, 138, DOI: http://dx.doi.org/10.1093/brain/awv135.
Taruffi, L. & Koelsch, S.(2014). The Paradox of Music-Evoked Sadness: An Online Survey. PLoS ONE 9(10): e110490. doi:10.1371/journal.pone.0110490.doi:10.1371/journal.pone.0110490.
http://oe1.orf.at/highlights/145006.html (09-11-16)