Legasthenie – Lesestörung – Rechtschreibstörung

„Legasthenie“ heißt wortwörtlich übersetzt Leseschwäche, wobei landläufig darunter jedoch eine Lese-Rechtschreib-Störung verstanden wird. Allerdings erstreckt sich die Problematik der Legasthenie über weite Gebiete der Informationsaufnahme und -Verarbeitung, denn 50-70 % der Lese-Rechtschreib-Störungen gehen von einer frühkindlichen Sprachentwicklungsstörung aus, sodass sich in der Schule die Auswirkungen dieser Sprachstörung häufig als sehr folgenschwer für das gesamte Lernen erweisen. Aber auch Legastheniker ohne eine solche Vorgeschichte beherrschen häufig wegen ihrer sprachlichen Merkschwäche ihre Muttersprache nicht ausreichend, um den schulischen und späteren beruflichen Anforderungen ihrer allgemeinen Begabung entsprechend gerecht zu werden. In den Schulen konzentriert man sich eher nur auf die Rechtschreibung und berücksichtigt generell wenig, dass beim Vorliegen einer Legasthenie oft das gesamte schulische Lernen eingeschränkt ist, sodass die Leistungsrückstände der Betroffenen im Laufe der Schulzeit trotz normaler Intelligenz und durchschnittlicher sozialer Herkunft immer größer werden und die Aussichten auf eine zufriedenstellende berufliche Entwicklung eingeschränkt sind.
Es tauchen immer mehr Behandlungskonzepte auf, deren Wirksamkeit nur selten überprüft ist und für Eltern, Lehrerinnen aber auch Therapeutinnen wird es immer schwieriger, beim Zugriff auf wirklich hilfreiche Therapie-, Lehr- und Lernmethoden die Spreu vom Weizen zu scheiden. In dieser Buchserie zu Theorie und Handlungsmöglichkeiten bei Störungen des Sprach- und Schriftspracherwerbs und damit des schulischen Lernens werden von den AutorInnen wissenschaftlich begründete, allgemein verständliche und in unserer Praxis erprobte hilfreiche Konzepte vorgestellt.

Das morphembasierten Training „Morpheus“

Gebauer et al. (2012) untersuchten in einer Studie den Effekt des morphembasierten Trainings „Morpheus“ auf die Struktur und Funktion des Gehirns bei rechtschreibschwachen Kindern. Ein Morphem ist dabei die kleinste Bedeutung tragende Einheit einer Sprache, wie etwa eine Vorsilbe.  Nach dem Trainingsprinzip von Morpheus soll ein Wort nicht im Ganzen, sondern in seinen Einzelteilen begriffen werden.  Mit Morpheus lernen Kinder also die Schreibweise eines Wortes an Hand bestimmter Regeln abzuleiten, etwa das Wort ‚verfahren‘ aus der Vorsilbe ‚ver-‚, dem Wortstamm ‚-fahr-‚ und der Nachsilbe ‚-en‘ gebildet wird, wobei man die Vorsilbe ‚ver-‚ immer mit ‚V‘ schreibt, und den Wortstamm ‚-fahr-‚ immer mit stummem ‚H‘. Wenn Kinder das einmal verstanden haben, können sie damit auch jedes andere ähnliche Wort schreiben, zum Beispiel Fahrschein oder Vertrauen. Vor dem Training zeigten rechtschreibschwache Kinder im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mit durchschnittlichen Rechtschreibleistungen eine schlechtere Vernetzung der rechten Hirnhälfte, was eine weniger effiziente Kommunikation zwischen rechtsseitigen Hirnregionen vermuten lässt. Zusätzlich wiesen Kinder mit Rechtschreibschwäche vor dem Training eine stärkere Aktivierung frontal und in der rechten Hirnhälfte auf, was auf erhöhte Aufmerksamkeit und die Verwendung einer Kompensationsstrategie hindeutet, wie etwa das innerliche Vorsagen von Wörtern, um die richtige Schreibweise zu erschließen, wobei diese Strategie zu lautlich korrekten aber orthographisch fehlerhaften Wörtern führt. Nach einem fünfwöchigen Training hatte sich bei den rechtschreibschwachen Kindern sowohl die Rechtschreibleistung und das Leseverständnis als auch die Vernetzung in der rechten Gehirnhälfte verbessert, und zusätzlich zeigten Gehirnareale, die für das Abrufen der neu erlernten morphembasierten Strategie zuständig sind, eine gesteigerte Aktivierung. Bei den üblichen Lese- oder Rechtschreibübungen werden Kinder oft dressiert, Worte und ihre Rechtschreibung auswendig zu lernen, doch sie begreifen nicht die innere Struktur eines Wortes. Solche Übungsbücher sind auch ein Grund, warum  solche Lernschwächen bei SchülerInnen nicht gleich bemerkt werden, weil sie ihr Nichtverstehen mit Auswendiglernen kompensieren. Erst bei Schulstufenübergängen wie zwischen Volks- und Haupt- oder Mittelschule werden die Defizite erst sichtbar.

Literatur
Gebauer, D., Fink, A., Filippini, N., Johansen-Berg, H., Kargl, R., Reishofer, G., Koschutnig, K., Purgstaller, Ch., Fazekas, F., Enzinger, Ch. (2012). Rechtschreibschwäche: Veränderung in der Struktur und Funktion des Gehirns durch Training. Universität Graz.
Klicpera, C., Schabmann, A., Gasteiger-Klicpera, B. (2003) Legasthenie. Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung München,: Ernst Reinhardt Verlag.
Kargl, R., & Purgstaller, C. (2009). Morphem unterstütztes Segmentierungstraining MORPHEUS. Göttingen: Hogrefe.
Shaywitz, S.E., Mody, M., Shaywitz, B.A. (2006). Neural mechanisms in dyslexia. Current Directions in Psychological Science, 15, 278-281.

Quelle: http://www.lernpraxis.org/ (10-04-27)