Grundlagen des Konstruktivismus

Das menschliche Gehirn ist ein relativ abgeschlossenes System, denn es ist zu einem sehr großen Teil seiner Aktivität mit sich selbst beschäftigt. Das heißt, dass dieser Anteil von Neuronen ihren Input von anderen Neuronen im Gehirn empfängt. Nur ein verschwindend geringer Teil der Außeneinflu?sse haben einen marginalen Einfluss auf die Gehirnaktivität. Das Gehirn strukturiert alles Wahrgenommene und interpretiert es permanent. Alle von außen u?ber die Sinnesorgane aufgenommenen Informationen (eigentlich sind es Störungen, die den stabilen Fluss der internen Informationen disturbieren) bieten dem Gehirn nicht Qualität, sondern allein Quantität, d.h. etwa,. dass das Gehirn nicht Musik von außen wahrnimmt sondern Impulse in Form von Nervenreizungen. Der Musikeindruck wird erst im Gehirn erzeugt. Ebenso sehen wir nicht Dinge, sondern unsere Sehzellen werden gereizt und leiten wiederum Impulse an das Hirn weiter, sodass wir nicht die Dinge sehen, wie sie sind, sondern so, wie unser Gehirn sie interpretiert. Das Gehirn strukturiert sich selbst, um dem Individuum ein Überleben zu ermöglichen, es schafft sich ein Konstrukt der Welt, um mit dieser arbeiten zu können. Damit macht es sich die Welt passend, oder, wie Piaget sagte, das Gehirn konstruiert nicht, um eine Repräsentation ontologischer Sachverhalte zu erzielen, sondern ein inneres Gleichgewicht zu erreichen und zu erhalten (Äquilibration). Das Kriterium der Welterzeugung ist Viabilität, d.h. Überlebensfähigkeit, nicht das Finden einer Wahrheit oder der wirklichen Wirklichkeit. Es gibt auch kein objektives Wissen u?ber die Welt, das Da-Draußen, das Ding-an-sich, sondern immer nur die eigene Wahrnehmung von Welt. Und diese Wahrnehmung der Dinge lässt sich stets nur mit unserer Wahrnehmung von den Dingen vergleichen, nicht mit den Dingen selber. Menschen sind daher Erfinder ihrer Wirklichkeit. Verstehen heißt in diesem Zusammenhang, sich eine Interpretation aufzubauen, die in vielen Situationen funktioniert. Wissen als Ergebnis von Lernprozessen ist im Gehirn ein komplexes, vernetztes, dynamisches System, das sich in der Vernetzung von Neuronen manifestiert, d.h., wir speichern Muster und Strukturen (cognitive maps). Das Gehirn hat die Fähigkeit, sich ständig den Erfordernissen seines Gebrauchs anzupassen (Neuroplastizität), was bedeutet, dass dieses Konstrukt von Welt im Lernprozess verändert und angepasst wird. Sämtliche Außeneinflu?sse werden entweder in das vorhandene Wissensnetz integriert oder verworfen. Individuelle Konstruktionen sind dabei immer in kulturelle Konstruktionen eingebettet. Auch Sprache bietet letztlich keine Möglichkeit, Wissen zu vermitteln, denn über Sprache ausgetauschte Informationen werden vom Empfänger stets interpretiert. Die Bedeutung eines Wortes ist daher sein Gebrauch in der Sprache, und dieser Gebrauch ist flexibel und vermittelt die Intention des Sprechers, nicht die Bedeutung von Worten. Auf Grund dieser Grundannahmen des Konstruktivismus ist Lernen

  • ein aktiver und konstruktiver Prozess, d.h., der Lerner ist durch eine ansprechende Gestaltung der Lernumgebung motiviert sich aktiv mit der Lösung einer Aufgabe zu beschäftigen;
  • ein sozialer Prozess, d.h., Lernprozesse sind keine individuellen Vorgänge, sondern beziehen auch soziale Prozesse mit ein;
  • ein selbst gesteuerter Prozess, d.h., der Lerner entscheidet selbst, er hat die Steuerungs- und Kontrollfunktion, deren Ausmaß von der Lernsituation abhängt;
  • situations- und kontextgebunden, wobei durch die Verwendung realer Kontexte für den Lerner ein Transfer leichter möglich wird.

Siehe dazu im Detail
Stangl, Werner (1989). Die Psychologie im Diskurs des Radikalen Konstruktivismus.
Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn.