Das präsuizidale Syndrom bei Jugendlichen

Die Selbstmordquote ist bei Jugendlichen mit 9 % aller Todesfälle dieser Altersstufe sehr hoch. Sehr hoch ist auch die Zahl der Selbstmordversuche. Suizidale Handlungen sind dadurch gekennzeichnet, daß sich ein Mensch selbst mittels Medikamenten bzw Drogen oder durch andere Techniken körperlichen Schaden zufügt, mit der ursprünglichen Absicht, nicht mehr leben zu wollen.
Eine komplexe Erklärung für die Zunahme der suizidalen Handlungen in dieser Altersgruppe konnte bislang nicht gefunden werden. Sie könne jedoch im Zusammenhang stehen mit der zu-nehmenden sozialen Umfeldproblematik bei Kindern und Jugendlichen sowie ansteigender sozialer Desintegration sowohl innerhalb der Familien als auch in der Gruppe der Gleichaltrigen und in der Gesellschaft. Diese Umfeldproblematik äußert sich ebenfalls in einer ansteigenden Tendenz zur Verwahrlosung, Delinquenz, zu Alkoholismus, sowie Drogenmissbrauch und zu Verkehrsunfällen bei Kindern und Jugendlichen.
Bei der Einschätzung der Suizidgefährdung sind aus diesem Grunde folgende 6 Aspekte zu berücksichtigen:

  • Persönlichkeit des Jugendlichen, die derzeitige Streßsituation sowie die Möglichkeiten zur Hilfe, die ihm zur Verfügung stehen.
  • die familiäre und soziale Beziehungsmuster in der Schule sowie in der Gruppe der Gleichaltrigen.
  • Gesamtbiographie, speziell der Verlust von wichtigen Bezugspersonen durch Tod oder Trennung, Fehlen von Elternschaft
  • die aktuelle Häufung von Problemen sowie das auslösende Motiv
  • Ausmaß der präsuizidalen Einengung (dazu später)
  • vorhandenen Möglichkeiten, innere Konflikte zu verbalisieren und sich damit zu entlasten

Ursachen und Anlässe
Die Grundsituation ist folgende: Die Familie spielt eine zentrale Rolle. Die familiären Verhältnisse haben auf die normale Entwicklung des Jugendlichen und auch des Kindes einen elementaren Einfluß. Es zeigt sich, daß die Familien die entwicklungsspezifischen Turbulenzen auffangen können. Eine Vielzahl von Autoren hat darauf hingewiesen, daß der Verlust eines Elternteiles in der Kindheit oder Jugend im späteren Leben zu Depressionen und Suizidverhalten prädisponiert. Schrut (1964) hebt die Schwierigkeit bzw Unfähigkeit des suizidalen Jugendlichen hervor, sich mit den anderen Familienmitgliedern zu identifizieren. Rollendiffusion. Die ständige zermürbende Auseinandersetzung führt zu einer zunehmenden Entfremdung und zur Unfähigkeit, Konflikte zu ertragen oder sinnvoll zu lösen. Das bedeutet, eine zunehmende Einengung seiner Wahrnehmung, insbesondere im emotionalen Bereich. Er fühlt sich ausgelaugt, ausgebeutet und überflüssig. Positive Signale werden aufgrund dieser Einengung nur beschränkt oder gar nicht wahrgenommen.
Aus dieser Grundsituation lassen sich die häufigsten Ursachen und Motive suizidaler Verhaltensweisen erklären. Ein Schüler macht keinen Suizidversuch primär wegen seiner schlechten Noten, sondern weil er aufgrund fehlender positiver Umgebungssignale diesen Misserfolg als zusätzliches Zeichen seines Versagens sieht. Es handelt sich somit bei den meisten suizidalen Handlungen in dieser Altersgruppe um den Endpunkt einer chronischen Entwicklung, bei der die Resignation bezüglich einer Änderung der Situation zum Positiven im Vordergrund steht.
Suizidales Verhalten ist also mehrfaktoriell bedingt. Das präsuizidale Syndrom stellt den gemeinsamen Nenner dar, auf welchen die charakteristischen psychischen Zustände vor Suizid-handlungen gebracht werden können.
Das präsuizidale Syndrom baut sich aus drei großen Symptomen auf:

  • Einengung
  • gehemmte und auf die eigene Person gerichtete Aggression
  • Selbstmordphantasien .

Die Einengung zeigt sich in mindestens vier Bereichen: situativ (Einengung der persönlichen Möglichkeiten), dynamisch (Einengung der Gefühlswelt), zwischenmenschlich und wertspe-zifisch. Der zweite Pfeiler entspricht einer spezifischen Gestaltung der Aggression. Jeder selbstmordgefährdete Mensch ist für Ringel “ ein zutiefst frustrierter, von Aggressionen beherrschter Mensch, der aber nicht imstande ist, diese Aggressionen nach außen abzureagieren und sie daher schließlich gegen die eigene Person wendet“. Der dritte Punkt sind Selbstmord-phantasien. Die suizidale Person beschäftigt sich zuerst vage, dann immer konkreter mit der Möglichkeit des Selbstmordes.
Daß die Zeit der Adoleszenz mit sehr vielen Problemen behaftet ist, haben wir bereits bei den Gründen für Drogenkonsum festgestellt. Auf diesem Hintergrund erscheint es erklärlich, daß es im Jugendalter zu einem deutlichen Anstieg von suizidalen Handlungen kommt. Hierbei spielt das Selbstwertgefühl eine zentrale Rolle. Jugendliche sind außerordentlich selbstkritisch. Wird nun einem Jugendlichen das ständige Gefühl vermittelt, daß er Erwartungen, die seine Eltern, die Peer-group und die Gesellschaft an ihn stellen, nicht erfüllen kann, so kommt es zu einem ausgeprägten Bruch seiner Identität, er erkennt sich als wertlos, als Wesen, das von den anderen als existentiell unwesentlich erkannt wird, in einer Situation, in der der Jugendliche sich selbst als zentral erkennt.
Gefährdet sind Jugendliche, die in ihrer Kindheit Verluste von wesentlichen Bezugspersonen erlitten haben. Hier sei insbesondere die Gruppe der Jugendlichen genannt, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt von Elternteilen getrennt wurden oder in Heimen untergebracht wurden bzw in Adoptivfamilien aufwuchsen.Eine weitere besonders gefährdete Gruppe ist die der Jugendlichen mit körperlichen Handicaps, die gerade in der kritischen Phase der Adoleszenz der Beeinträchtigung ihres Körpers voll bewußt werden.Aber auch Jugendliche, die aufgrund von minimalen cerebralen Dysfunktionen oder auch Teilleistungsstörungen bereits zu einem früheren Zeitpunkt auffällig wurden und deren negative Folgen im Sinne einer Versetzung in Sonderschulen oder auch „nur“ ständiger schulischer Überforderung erfahren haben, werden in der Zeit der Adoleszenz gewahr, daß die Gesellschaft ihnen viele Möglichkeiten der weiteren, vor allem beruflichen Entwicklung verwehrt.

Möglichkeiten der Selbstmordverhütung

Ringel beschreibt die zentralen Ansatzpunkte:

  • Bemerken: Fähigkeit der zentralen Bezugspersonen die verbalen und nicht-verbalen, indirekten Selbstmordankündigungen wahrzunehmen.
  • Beurteilen: Es ist hier die Aktivität der Fachleute erforderlich, denn es geht hier um die psychologische und psychiatrische Diagnose der Suizidgefährdung.
  • Behandeln:Fachleute und spezielle Bezugspersonen versuchen die Stabilität des Klienten zu stärken und zum anderen das Konfliktlösungsverhalten zu verändern.
  • Beeinflussen: Bemühungen, das „suizidale Klima“ einer Gesellschaft zu verändern.

Das Konzept sieht demnach folgendermassen aus:

  • Vorbeugung
  • Krisenintervention
  • Nachbetreuung

Literatur
Wellhöfer, P. (1981). Selbstmord und Selbsmordversuch. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag.