Manche Fähigkeiten begleiten Menschen ein Leben lang: Sobald man eine Bewegung einmal gelernt hat, führt der Körper sie ohne langes Nachdenken aus. Dieses automatische Erinnern beschränkt sich jedoch nicht nur auf praktische Handlungen. Ebenso prägen sich gefühlte Belastungen und seelischer Stress tief in das körperliche Empfinden ein. Bestimmte Reize im Alltag wie ein unverhofftes Geräusch, ein Tonfall oder ein Geruch, können aus heiterem Himmel körperliche Reaktionen wie Herzklopfen, Muskelanspannung oder ein flaues Gefühl im Magen auslösen, obwohl im Hier und Jetzt gar keine Bedrohung vorliegt.
Was hinter den automatischen Reaktionen steckt
Dass der Körper so unmittelbar reagiert, liegt an zwei verschiedenen Formen der unbewussten Erinnerung:
- Bewegungsabläufe: Eingeschleifte Handlungsmuster wie Radfahren, Schwimmen oder Instrumentespielen bleiben dauerhaft im motorischen Gedächtnis verankert.
- Gefühlsmuster: Einschneidende oder anhaltende Belastungen prägen das Nervensystem. Ein Schreckmoment aus der Vergangenheit oder jahrelanger Leistungsdruck können dazu führen, dass der Körper selbst bei harmlosen Anlässen blitzschnell auf Alarm schaltet.
Stress als Dauerzustand
Bei Gefahr stellt sich der Organismus innerhalb von Sekundenbruchteilen auf Schutz ein: Botenstoffe werden ausgeschüttet, der Puls steigt und die Muskeln spannen sich an. Normalerweise beruhigt sich das System wieder, sobald die Situation geklärt ist. Bei chronischer Überlastung oder traumatischen Erlebnissen gerät diese natürliche Selbstregulation jedoch aus dem Takt. Das Nervensystem verharrt in einer Art Dauer-Verteidigungsmodus. Es funktioniert wie ein überempfindlicher Rauchmelder, der bereits bei der kleinsten Kleinigkeit Großalarm schlägt, weil er nicht mehr zuverlässig zwischen vergangenem Schreck und gegenwärtiger Sicherheit unterscheiden kann. Diese Koppelung von Gefühl und Körperreaktion begegnet Menschen auch im Alltag als sogenanntes Bauchgefühl, d. h., der Körper nutzt frühere Erfahrungen als Orientierung und sendet feine Signale, um Entscheidungen zu beeinflussen – oft lange bevor der Verstand das Geschehen überhaupt rational erfasst hat.
Gewebe, Verstand und die Grenzen der Speicherung
Anhaltender Druck führt häufig zu schleichenden Fehlhaltungen: Die Schultern werden hochgezogen, die Zähne zusammengebissen. Mit der Zeit verselbstständigt sich diese Anspannung. Sogar das Bindegewebe, das Muskeln und Organe umgibt, kann durch ständige Stresssignale verkleben und chronische Schmerzen verursachen, für die sich auf den ersten Blick keine rein körperliche Ursache findet. Entgegen weit verbreiteter Mythen lagern sich Erinnerungen jedoch nicht direkt im Gewebe, in Muskeln oder Organen ab., d.h., das Gewebe selbst dient nicht als Speicher. Vielmehr ist das Gehirn die Schaltzentrale, die auf Basis früherer Erlebnisse dauernd Vorhersagen über die Zukunft trifft. Nach schweren Belastungen bleibt das Gehirn oft in der Erwartung „Gefahr“ stecken. Der Körper ist dabei lediglich das Sprachrohr, über das sich diese verfälschte Wahrnehmung ausdrückt. Auch die Idee, dass bestimmte Körperpartien pauschal für ganz spezifische Emotionen stehen, ist wissenschaftlich nicht haltbar.
Neue Muster erlernen
Auch wenn der Körper feinfühlig auf Vergangenes reagiert, ist dieser Zustand keineswegs unumkehrbar. Körperorientierte Methoden und achtsame Therapieverfahren helfen dem Nervensystem, festgefahrene Schutzreflexe abzubauen und wieder flexibler zu reagieren. Im Alltag tragen bereits einfache Maßnahmen zur Stabilisierung bei:
- Bewegung: Hilft, aufgestaute Energie abzubauen.
- Gezielte Atmung: Signalisiert dem Nervensystem direkt Sicherheit.
- Fester Schlafrhythmus: Unterstützt die grundlegende Regeneration.
Der menschliche Körper behält prägende Phasen zwar lange in Erinnerung – er besitzt jedoch auch die erstaunliche Fähigkeit, Sicherheit wieder neu zu erlernen.
Literatur
Stangl, W. (2021, 26. Juli). Intuition. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https:// lexikon.stangl.eu/3540/intuition.
Stangl, W. (2022, 26. Juli). Das verborgene Wissen des menschlichen Verstandes . Stangl notiert ….
https:// notiert.stangl-taller.at/psychologie/das-verborgene-wissen-des-menschlichen-verstandes/.
Stangl, W. (2022, 26. Dezember). Das Bauchhirn – das kleine Gehirn. [werner stangl]s arbeitsblätter.
https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/Bauchhirn.shtml
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