Die Frage, wie das menschliche Gehirn die Komplexität mehrerer Sprachen bewältigt, beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten und führte bislang zu zwei gegensätzlichen Hypothesen: Während eine Theorie davon ausgeht, dass Fremdsprachen in gänzlich anderen Hirnarealen als die Muttersprache gespeichert werden, postuliert die andere ein gemeinsames neuronales System für alle Sprachen.
Eine aktuelle Untersuchung von Chen et al. (2026) liefert nun Erkenntnisse, die diese Debatte auflösen könnten, indem sie nachweisen, dass die semantische Verarbeitung von Erst- und Zweitsprachen auf weitgehend identischen neuronalen Strukturen basiert, dabei jedoch subtile, sprachspezifische Modulationen aufweist. Um diese Prozesse im Detail sichtbar zu machen, untersuchte man mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) die Hirnaktivität von sechs Probanden mit der Muttersprache Chinesisch und der Zweitsprache Englisch, während diese über mehrere Stunden hinweg komplexe Erzählungen in beiden Sprachen rezipierten.
Methodisch stützte man sich dabei auf eine hochauflösende Analyse sogenannter Voxel – kleinster räumlicher Einheiten im Gehirn – und kombinierte diese mit modernen KI-Sprachmodellen, um Wörter in thematische Cluster wie Familie, Kommunikation oder räumliche Orientierung zu kategorisieren. Durch den Einsatz von maschinellem Lernen konnte man belegen, dass die KI die Aktivitätsmuster in den Voxeln eines Probanden allein basierend auf den Daten der anderen Teilnehmer erstaunlich präzise vorhersagen konnte, was für eine universelle Organisation der Wortbedeutungen im Gehirn spricht.
Das zentrale Ergebnis der Studie verdeutlicht, dass das Gehirn beim Erlernen einer Fremdsprache keine völlig neuen „Speicherplätze“ anlegt, sondern die neuen Begriffe in denselben Regionen verankert, in denen auch die entsprechenden Konzepte der Muttersprache liegen. Dennoch offenbarten die Daten bei genauerer Betrachtung feine Verschiebungen innerhalb dieser gemeinsamen Areale: So reagierten bestimmte Voxel bei räumlichen Begriffen im Chinesischen eher auf relationale Wörter wie „zusammen“, während sie im Englischen stärker auf konkrete Richtungsangaben oder Distanzen ansprachen. Diese Erkenntnis, dass jedes Voxel nicht nur ein Thema, sondern mehrere Konzepte mit unterschiedlichen Gewichtungen verarbeitet, erklärt die Flexibilität des bilingualen Gehirns.
Die Bedeutung dieser Grundlagenforschung reicht weit über die Linguistik hinaus, da sie nicht nur das Verständnis der menschlichen Kommunikation vertieft, sondern auch praktische Anwendungen in der Therapie von Sprachstörungen wie der Aphasie oder bei der Optimierung von Lernmethoden für Fremdsprachen ermöglicht. Zukünftige Studien sollen nun klären, ob diese neuronalen Muster auch bei strukturell ähnlicheren Sprachen wie Italienisch und Spanisch auftreten oder ob die hier beobachteten Effekte universell für alle Sprachkombinationen gelten.
Literatur
Chen, C., Gong, X. L., Tseng, C., Klein, D. L., Gallant, J. L., & Deniz, F. (2026). Bilingual language processing relies on shared semantic representations that are modulated by each language. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123(9), doi:10.1073/pnas.2503721123
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