Tanzen gehört zu den ältesten kulturellen Ausdrucksformen der Menschheit. Archäologische Funde wie Knochenflöten belegen musikalische Praxis seit mindestens 35.000 Jahren, doch rhythmische Bewegung dürfte den Menschen vermutlich schon sehr viel früher begleitet haben. Anthropologische Überlegungen reichen dabei bis zu frühen Homininen, möglicherweise sogar zu den Neandertalern. Unabhängig von diesen historischen Spekulationen zeigt sich bis heute eine bemerkenswerte Konstante: Es gibt keine bekannte menschliche Kultur, in der Tanz keine Rolle spielt. Ob als rituelle Handlung, soziale Kommunikation oder ästhetischer Ausdruck – Tanz verbindet Körper, Emotion und Gemeinschaft auf einzigartige Weise. Diese universelle Präsenz wirft die Frage auf, welche komplexen Leistungen das menschliche Gehirn erbringt, um Musik und Bewegung zu einer sinnvollen, emotional aufgeladenen Einheit zu verschmelzen.
Genau dieser Frage widmet sich eine aktuelle neurowissenschaftliche Untersuchung von Takagi et al. (2025). Ausgangspunkt der Forschung ist die Beobachtung, dass Tanz ein genuin multimodales Phänomen darstellt: Rhythmus, Klang, visuelle Bewegung, motorische Antizipation und emotionale Bewertung greifen ineinander. Während künstliche Systeme und klassische Computermodelle mit der gleichzeitigen Verarbeitung solcher Datenebenen oft überfordert sind, gelingt es dem menschlichen Gehirn mühelos, diese Reize in Echtzeit zu integrieren. Um die neuronalen Grundlagen dieser Fähigkeit zu entschlüsseln, kombinierten die Forschenden funktionelle Magnetresonanztomografie mit modernen KI-basierten, tiefen generativen Modellen.
Die Versuchspersonen – sowohl professionelle Tänzerinnen und Tänzer als auch Laien – betrachteten über längere Zeiträume hinweg Tanzvideos aus einem umfangreichen Datensatz, der zahlreiche Genres von Hip-Hop über Breakdance bis hin zu Ballett-Jazz abdeckte. Parallel dazu wurde ihre Hirnaktivität gemessen. Die KI-Modelle wurden so trainiert, dass sie sowohl Bewegungs- als auch Musikmerkmale gleichzeitig verarbeiteten. Ziel war es zu prüfen, ob das Gehirn Tanz lediglich als additive Kombination von Ton und Bewegung interpretiert oder ob es eine eigenständige, integrierte Repräsentation dieser Kunstform entwickelt.
Die Ergebnisse sprechen deutlich für Letzteres. Die neuronalen Aktivitätsmuster ließen sich wesentlich besser vorhersagen, wenn die KI beide Modalitäten gemeinsam analysierte. Die Reaktion des Cortex auf Tanz war stärker und präziser als die bloße Summe einzelner Sinnesreize. Damit bestätigt die Studie, dass das Gehirn Tanz als kohärente Erfahrung kodiert – als etwas qualitativ anderes als „Musik plus Bewegung“. Besonders deutlich zeigte sich diese integrative Verarbeitung in Arealen, die für komplexe Wahrnehmung, Emotion und Bedeutungskonstruktion zuständig sind.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft den Einfluss von Expertise. Während bei Laien relativ uniforme, schematische Aktivierungsmuster dominierten, zeigten professionelle Tänzer hochdifferenzierte und individuelle neuronale Signaturen. Diese größere Variabilität deutet darauf hin, dass Erfahrung nicht nur zu effizienterer Verarbeitung führt, sondern auch zu einer stärkeren emotionalen und ästhetischen Durchdringung des Wahrgenommenen. Tanz wird für Expertinnen und Experten nicht lediglich erkannt, sondern innerlich simuliert, bewertet und emotional verfeinert erlebt.
Bemerkenswert ist zudem, dass sich mithilfe der KI-Modelle auch emotionale Reaktionen auf Tanz vorhersagen ließen. Choreografien, die als ästhetisch ansprechend empfunden wurden, erzeugten andere neuronale Muster als solche, die Langeweile hervorriefen. Letztere gingen unter anderem mit einer reduzierten Aktivität im Default Mode Network einher, einem Netzwerk, das typischerweise mit Selbstreflexion, inneren Bildern und gedanklichem Abschweifen verbunden ist. Tanz wirkt demnach nicht nur als sensorischer Reiz, sondern beeinflusst auch tiefere Ebenen des mentalen Erlebens.
Insgesamt verdeutlicht die Forschung von Takagi et al. (2025), dass das menschliche Gehirn in besonderer Weise darauf spezialisiert ist, komplexe, zeitlich strukturierte und emotional bedeutsame Reize zu integrieren. Tanz erscheint dabei als ein ideales Fenster in die Funktionsweise des Gehirns, weil er Wahrnehmung, Bewegung, Gefühl und Bedeutung untrennbar miteinander verbindet. Die Verbindung von Neuroimaging und KI eröffnet dabei nicht nur neue Einblicke in die menschliche Kognition, sondern könnte langfristig sogar kreative Anwendungen ermöglichen – etwa die Entwicklung von Tanzformen, die gezielt auf bestimmte neuronale und emotionale Resonanzen abzielen. Tanz wäre dann nicht nur Ausdruck menschlicher Kultur, sondern auch ein Schlüssel zum besseren Verständnis dessen, wie unser Gehirn Sinn, Schönheit und Bewegung zusammendenkt.
Literatur
Takagi, Y., Shimizu, D., Wakabayashi, M., Ohata, R., & Imamizu, H. (2025). Cross-modal deep generative models reveal the cortical representation of dancing. Nature Communications, 16(1), doi:10.1038/s41467-025-65039-w.
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