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Wenn die Flucht aus dem Alltag zur psychischen Zerreißprobe wird

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    In einer Welt, die von permanenter Erreichbarkeit und digitalem Grundrauschen geprägt ist, wächst die Sehnsucht nach radikaler Entschleunigung. Der „Ausstieg auf Zeit“ ist längst kein Nischenphänomen mehr, sondern ein lukrativer Markt geworden. Von zehntägigen Schweige-Retreats in abgeschiedenen Klöstern bis hin zu hochpreisigen Onlinecoachings, die emotionale Freiheit versprechen, suchen Menschen nach Wegen, den Lärm des Alltags hinter sich zu lassen. Doch hinter der glänzenden Fassade von Wellness und spiritueller Erleuchtung verbirgt sich eine Schattenseite, die in der populären Ratgeberliteratur oft verschwiegen wird. Wenn die schützende Hülle der täglichen Routine wegbricht und durch intensive Introspektion ersetzt wird, können psychische Prozesse in Gang gesetzt werden, für die viele Teilnehmer weder gewappnet sind noch die notwendige professionelle Begleitung erhalten.

    Besonders die intensive Meditation, wie sie etwa bei Vipassana-Retreats praktiziert wird, verlangt dem Nervensystem Höchstleistungen ab. Während die Wissenschaft jahrelang vor allem die positiven Effekte auf Stressreduktion und Blutdruck hervorhob, rücken nun vermehrt die Risiken in den Fokus. Untersuchungen zeigen, dass langanhaltende Stille und tiefe Versenkung Phänomene wie Depersonalisierung, Derealisierung oder das Wiederaufflackern traumatischer Erinnerungen provozieren können. Ohne die Ablenkungen des modernen Lebens ist das Ich direkt mit seinen unterdrückten Ängsten und Schattenanteilen konfrontiert. In einem unregulierten Umfeld, wie es oft bei Onlinecoachings ohne psychologische fundierte Leitung der Fall ist, fehlt dann das Sicherheitsnetz. Wenn Coaches ohne therapeutische Ausbildung „tiefgreifende Transformationen“ versprechen, wird die Grenze zur gefährlichen Scharlatanerie oft überschritten. Ein instabiles psychisches Fundament kann unter dem Druck forcierter Selbstoptimierung nicht nur Risse bekommen, sondern regelrecht einbrechen, was im schlimmsten Fall zu psychotischen Episoden oder schweren depressiven Krisen führt. Die Annahme, dass Meditation per se harmlos sei, erweist sich somit als gefährlicher Trugschluss, da die Technik der Dezentrierung – das Beobachten der eigenen Gedanken ohne Identifikation – bei Menschen mit entsprechenden Prädispositionen die Ich-Struktur destabilisieren kann. Letztlich zeigt sich, dass der Weg nach innen kein sanfter Spaziergang ist, sondern eine hochwirksame psychologische Intervention, die Respekt, Fachwissen und eine sorgfältige Vorbereitung erfordert.

    Literatur

    Britton, W. B. (2019). Can mindfulness be too much of a good thing? The value of a middle way. Current Opinion in Psychology, 28, 159–165.
    Lindahl, J. R., Fisher, N. E., Cooper, D. J., Rosen, R. K., & Britton, W. B. (2017). The varieties of contemplative experience: A mixed-methods study of meditation-related challenges in Western Buddhists. PLOS ONE, 12(5), ddoi:0.1371/journal.pone.0176239
    Schlieter, J. (2017). Die dunkle Seite der Meditation: Zur Geschichte und Kritik therapeutischer Achtsamkeit. Reclam.
    Utsch, M. (2021). Psychologische Risiken religiöser und spiritueller Praktiken. Psychotherapeut, 66(3), 205–212.


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