Was ist Neid?

Neid ist ein ganz normales, im Grunde kern- und strunzgesundes Gefühl in einer Gesellschaft, in der Güter und Lebenschancen ungleich verteilt sind. Wer seinen eigenen Wert kennt, der fragt sich: Warum hat der andere, was ich nicht habe? Es sind gerade die Leute mit geringem Selbstwertgefühl, die den Neid in sich unterdrücken. Sie meinen, andere hätten Erfolg und Besitz eher verdient, seien besser und müssten deswegen vom Leben bevorzugt werden.
Wer ehrgeizig ist, wer was will, wer im Leben steht und nach vorne drängt, der ist in aller Regel auch neidisch und will andere neidisch machen. Das ist ganz normal. Nur wer schon alles hat, was er braucht, muss und wird nicht neidisch sein. Wer sich den dicksten Schlitten leisten kann, wird nicht neidisch werden, wenn der Nachbar schon wieder mit einem neuen, sündhaft teuren Wagen vorfährt. Man muss ja schon etwas meschugge sein, nicht zu erkennen, wem die Anti-Neid-Ideologie nützt – klar! – den Besitzenden, die natürlich die Begehrlichkeiten der Habenichtse beunruhigen.
H.U.G in de.sci.psychologie am 8.5.2006

Teodoro D. Cocca, Professor für Asset Management an der Johannes Kepler Universität in Linz, schreibt in seiner Glosse in den OÖN vom 6. März 2019: “Jüngst veröffentlichte Daten deuten auf eine international besonders neidische Haltung der Deutschen gegenüber Reichen hin. (…) Dass Neid gegenüber Reichen beziehungsweise Reichtum gerade in Österreich besonders ausgeprägt sein soll, erstaunt. Einerseits gehört Österreich zu den reichsten Ländern der Welt, hat weltweit betrachtet ein äußerst geringes Maß an Ungleichverteilung der Einkommen und international einen sehr hohen Anteil an Steuereinnahmen, welche über das Sozial- und Wohlfahrtssystem wieder verteilt werden. (…) Grundsätzlich zeigen Studien zu Neid Folgendes. Erstens: Menschen sehen Belohnungen immer im Vergleich zu anderen. Man fühlt sich glücklicher, wenn man 100 Euro am Tag, der Arbeitskollege aber nur 80 Euro bekommt, als 120 zu bekommen, wenn der Kollege 140 bekommt. Zweitens: Beim Erlangen der vorher beneideten Belohnung der Bessergestellten endet der neidbedingte Antrieb – die erlangte Belohnung wird nun gegenüber anderen verteidigt und als richtig empfunden. Das Gefühl des Neides scheint somit primär der Befriedigung der eigenen egoistischen Bedürfnisse und weniger einem allumfassenden Wunsch nach Gerechtigkeit zu dienen. Drittens: Neid wirkt vor allem gegenüber Menschen in “Reichweite”. Auf den größeren VW des Nachbarn ist man neidischer als auf den Rolls-Royce von Bill Gates. Besonders schmerzhaft wird es anscheinend dann, wenn wir unser Gegenüber als besonders ähnlich wahrnehmen und die angepeilten Ziele eine hohe persönliche Relevanz für uns besitzen. Entscheidend ist offenbar der Impuls: “Das würde eigentlich mir zustehen!”