Prokrastination, die Schattenseite der Freiheit

Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist gestern, der andere morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.
Dalai Lama

Prokrastinierer vereinigt Euch! Morgen!

Prokrastination ist ein Phänomen der Moderne, denn früher konnten es sich die wenigsten Menschen leisten, die Erledigung ihrer Aufgaben lange hinauszuzögern. Heute ist Prokrastination die Schattenseite der Freiheit, wobei vor allem Vertreter freier Berufe täglich gegen die Aufschieberitis kämpfen, denn es ist nicht leicht, mit Freiheit umzugehen und damit, dass eine Aufgabe nicht im Handumdrehen erledigt ist und auch das Risiko des Scheiterns in sich birgt. Man kann erst dann von krankheitswertiger Prokrastination sprechen, wenn das Aufschieben zum Problem wird und seelische oder körperliche Beeinträchtigungen mit sich bringt. Bei Prokrastination handelt es sich um eine Störung der Selbstregulation, denn die Herausforderung besteht darin, kurzfristig etwas Unangenehmes oder weniger Schönes auszuhalten, um langfristig etwas Positives oder weniger Negatives zu erreichen. Dies widerstrebt der Natur des Menschen, denn mit dem Aufschieben umgeht man diese Herausforderung und verhilft sich so zu einer kurzfristigen Belohnung. Dabei verhelfen Ersatzhandlungen wie Snacks, Blumengießen, Kaffeekochen oder ein Anruf bei einem Freund zu einem kurzfristigen Erfolg und die anstehende Großaufgabe ist damit zunächst vermieden. Unter Umständen kann das chronische Aufschieben eine Depression auslösen, denn Prokrastination führt zu Gewissensbissen, die am Selbstwertgefühl nagen und schlaflose Nächte bereiten, wozu oft Kontaktarmut kommt, was die Situation des Betroffenen noch verschärft.

Siehe dazu im Detail Motivation – Aufschieberitis.


Was passiert im Gehirn mit Aufgeschobenem?

Möschl et al. (2019) haben in einer Metastudie untersucht, was im Gehirn von Menschen passiert, wenn sie eine aufgeschobene Aufgabe erledigt haben. Aufgeschobene Absichten beeinflussen bekanntlich das Denken und Handeln, doch sobald sie erledigt sind, sollten sie eigentlich deaktiviert und sozusagen von der neuronalen To-do-Liste gestrichen werden. Allerdings werden erledigte Absichten manchmal nicht sofort deaktiviert, sondern können Menschen sogar beim Umsetzen neuer Absichten beeinträchtigen. Das geschieht vor allem dann, wenn Handlungen bis zu einem bestimmten Ereignis oder einem besonders auffälligen Reiz aufgeschoben wurden, wie etwa das Einnehmen von Medikamenten. Handlungsabsichten werden zwar tatsächlich oft deaktiviert, sobald sie erledigt wurden, doch diese Deaktivierung funktioniert nicht immer perfekt, denn zum Teil müssen Schritt für Schritt alte Verbindungen aufgelöst und neue aufgebaut werden, bis Ereignisse oder Reize nicht mehr zum Abruf der erledigten Absicht führen.

Literatur

Möschl, M., Fischer, R., Bugg, J. M., Scullin, M. K., Goschke, T., & Walser, M. (2019). Aftereffects and deactivation of completed prospective memory intentions: A systematic review. Psychological Bulletin, doi:10.1037/bul0000221.
Sauter, A. (2017). Schieben Sie noch auf oder prokrastinieren Sie schon? Forschung Frankfurt, 1, 46-51.
WWW: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/66791126/FoFra_2017_01_Gewonnene_Zeit_Schieben_Sie_noch_auf_oder_prokrastinieren_sie_schon.pdf (17-07-12)