Moralerziehung in der Familie

In Familien nehmen Moralerziehung und die Entwicklung einer moralbezogenen Identität biographisch meist ihren Ausgang, sodass Prozesse der innerfamiliären Vermittlung und Aneignung des Erziehungsgegenstands Moral auch von großer Relevanz für Moralerziehung und -bildung in allen anderen Feldern wie Kindergarten, Schule, Arbeitsplatz, Familie etc. sind.

Die Aneignung moralischen Wissens sowie des Willens und der Fähigkeit, dieses auch umzusetzen, erfolgt bei Kindern zunächst in der Familie. Welche Prozesse dort genau stattfinden, wurde bislang jedoch nur unzureichend untersucht. Witzke (2020) beschäftigte sich in ihrer Forschung dabei mit dem Lösen von Problemen in Familien im Kontext von Verstößen gegen Regeln, die aus Sicht der Akteure für alle Menschen gelten sollten. Ihre Studie zeigt, dass der Spagat zwischen Erziehung und Beruf für junge Familien oft nur schwer zu bewältigen ist.

Im Zentrum ihrer umfangreichen Analyse stand dabei die Frage, auf welche Weise Kinder und Eltern Moralvorstellungen in ihr Selbstbild integrieren und welche Rolle dabei innerfamiliäre Prozesse spielen. Dazu hat sie insgesamt 24 Familien aus Bayern und Baden-Württemberg mit zwei Elternteilen und mindestens einem Kind in der vierten Klasse untersucht, wobei jede dieser Familien besucht wurde und dabei mit allen Familienmitgliedern separat gesprochen wurde. Unter anderem fragte sie dabei nach moralischen Regeln, die aus Sicht der Teilnehmenden für alle Menschen gelten, etwa, niemanden zu verletzen oder nicht zu lügen. Insbesondere hat interessiert, wie die Befragten mit diesen Regeln umgehen, also ob Familienmitglieder moralische Regeln verhandeln oder ob diese Regeln als gesetzt gelten, unter welchen Umständen sie solche Regeln brechen und der jeweilige Regelbruch gegebenenfalls für erlaubt erachtet wird, aber auch wie Verstöße in der Familie geahndet werden und wovon das abhängt.

Die Auswertung der Daten zeigte, dass beim Umgang mit moralischen Regeln die Eltern eine moralische Vorbildrolle vor den Kindern oft nur zu spielen versuchen. Etwa wenn sie vor den Kindern immer den Fahrradhelm aufsetzten, nicht lügen und nicht fluchen, in Abwesenheit der Kinder aber gegenteilig handeln. Dies bleibt Kindern aber in der Regel nicht verborgen, d. h., die Eltern erziehen ihre Kinder auf diese Weise tendenziell dazu, eine Rolle zu spielen, nicht aber, eine moralische Identität zu entwickeln.

Werden Verstöße gegen moralische Regeln in der Familie nicht als solche diskutiert, besteht das Risiko, dass die Kinder diese als richtiges Verhalten akzeptieren lernen. Wenn etwa der Vater sein Kind ohrfeigt, kann es sein, dass das Kind dieses Verhalten danach entschuldigt, denn es sagt sich dann etwa, das Schlagen sei legitim gewesen, schließlich habe es sich selbst zuvor falsch verhalten. Für die Entwicklung einer moralischen Identität ist ein solch unkritischer Umgang mit Regelverstößen allerdings nicht förderlich.

In der Studie zeigte sich auch, wie sehr der Spagat zwischen Beruf und Erziehung die Beteiligten fordert, denn bei den befragten Familien waren meist die Männer die Hauptverdiener. Nach einer anstrengenden Arbeitswoche zogen sich manche von ihnen auch an den Wochenenden aus gemeinsamen Unternehmungen heraus und waren so insgesamt wenig über das Familienleben informiert. Das Resultat dieses Verhaltens waren Schwierigkeiten, sich gegenseitig zu verstehen und anzuerkennen. Gleichzeitig empfanden manche Väter dieses Verhalten zum Teil selbst als Versagen in ihrer Erzieherrolle und versuchten, dieses Defizit durch Strenge in anderen Zusammenhängen zu kompensieren. Mitunter wurden sie von ihren Kindern jedoch gar nicht mehr als moralische Instanz und Erzieher ernst genommen. Die Vorstellung, sowohl bei der Arbeit als auch als Eltern perfekt sein zu müssen, überfordert aus ihrer Sicht viele Väter und Mütter.

Die Studie zeigt zudem, wie sehr Moralerziehung ein bidirektionaler Prozess ist, denn indem Kinder die moralischen Maßstäbe im Handeln ihrer Eltern hinterfragen, wirken sie ihrerseits erziehend, doch sitzen sie dabei in aller Regel am kürzeren Hebel. Viele Eltern sehen in solchen Momenten ihre Vorbild- und Erzieherrolle infrage gestellt und reagieren daher mit Druck und Repression.

Literatur

Witzke, Monika (2020). Moralerziehung in der Familie. Eine empirische Studie über reziproke Vermittlungs- und Aneignungstätigkeiten in Eltern-Kind-Beziehungen mit Fokus auf moralbezogene Regelbrüche sowie Leit-, Selbst- und Fremdbilder. Klinkhardt.