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Gibt es einen Anti-Flynn Effekt?

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    Der vielerorts konstatierte Anti-Flynn-Effekt ist vermutlich eine ganz natürliche Entwicklung und eine relativ logische Folge des jahrzehntelangen Zuwachses. Bekanntlich haben Menschen ihre Gehirne zunehmend in jenen Bereichen geübt, die von Intelligenztests erfasst werden, denn so ist das Sprachverständnis größer geworden, das räumliche Vorstellungsvermögen ebenfalls und auch das abstrakte Denken. Vor hundert Jahren bevorzugten die Menschen das Konkrete, das aber kein IQ-Test erfassen will. Diese Spezialisierung des Denkens auf Inhalte, die in Intelligenztests erfasst werden, sind vermutlich mit der Zeit ausgeschöpft, während gleichzeitig der Ausbau mancher Fähigkeiten zwangsläufig dazu führt, dass man andere vernachlässigt, woran durchaus auch die moderne Technik ihren Anteil hat. Zwar verbessern Tablets und Smartphones manche IQ-Test-relevanten Fähigkeiten wie das räumliche Vorstellungsvermögen und das schnelle Erfassen von Informationen, doch Menschen, die sich keine Telefonnummern mehr merken müssen, entwickeln auch kaum noch eine im Gedächtnis dafür. Auch verkürzen die ständigen Reize durch medienvermittelte Nachrichten und schnelles Googeln die Aufmerksamkeitsspanne, worunter die Konzentrationsfähigkeit und damit das Vermögen leidet, sich ausdauernd einem komplexen Sachverhalt zu widmen. Sich konzentrieren zu können, ist nämlich keine angeborene Fähigkeit, sondern eine erlernte Kulturleistung, die ebenso wie der Flynn-Effekt derzeit im Niedergang sein dürfte.

    Die Fakten: Metaanalysen einer Vielzahl von Primärstudien deuten auf eine globale Verlangsamung und möglicherweise bevorstehende Stagnation des Flynn Effekts hin bzw. man postuliert schon einen Anti-Flynn Effekt. Tatsächlich mehren sich in Studien die Evidenz für eine Umkehr des Flynn Effekts zumindest im europäischen Raum, wobei Ergebnisse aus einer Vielzahl von Ländern, die ursprünglich durch Zunahmen charakterisiert waren (Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Niederlande, Norwegen, Österreich, UK), nun Abnahmen in der durchschnittlichen Bevölkerungstestleistung zeigen. Als mögliche Ursachen für diesen Anti-Flynn Effekt wurden mitunter systematische Migrationseffekte oder Fertilitätseffekte vermutet. Pietschnig et al. (2018) haben diese Theorien nun erstmals in zwei unabhängigen Studien empirisch überprüft, wobei in einer ersten meta-analytischen Studie man die Einflüsse auf Stagnation und Umkehr des Flynn Effekts in Österreich anhand von den Ergebnissen mehrerer tausend Testpersonen auf Raumvorstellungstests untersuchte. Es zeigte sich, dass die Testergebnisse weder in linearer, noch in kurvilinearer Beziehung zu Netto-Migration, absoluter Migration oder AsylwerberInnenzahl stehen. Weiters ließen sich keine Einflüsse von Fertilitätsraten der letzten vierzig Jahre auf die Bevölkerungstestleistung nachweisen. In einer Nachfolgestudie haben die Wissenschafter IQ-Testleistungsveränderungen in 21 Ländern an mehreren hunderttausend Testpersonen über einen Zeitraum von über 50 Jahren untersucht, in der sich die Befunde zu Fertilität bestätigen ließen.

    Insgesamt zeigen sich die beobachteten Ergebnisse konsistent mit Befunden, die darauf hindeuten, dass migrationsbedingte Änderungen nationaler Bevölkerungstestleistungen bestenfalls kurzlebig sind, denn ergänzende Untersuchungen haben gezeigt, dass auch in den weiteren hier untersuchten Ländern Migrationszahlen keinen Einfluss auf Testleistungsänderungen hatten. Die Ursachen des Anti-Flynn Effekts dürften auf den differenzierten Zusammenhängen mit spezifischen und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten beruhen, d. h., dass steigende Fähigkeitsspezialisierung zu Anstiegen der Bevölkerungsintelligenz geführt haben, während allgemeine kognitive Fähigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend unverändert blieben. Wenn also die Leistung in spezifischen Fähigkeiten in der Bevölkerung ein Maximum erreicht, sollten sich in Folge Abnahmen der Bevölkerungstestleistung zeigen. Die Veränderungen in den Testleistungen sind vermutlich ein Ausdruck der geänderten Anforderungen der Umwelt an die kognitiven Fähigkeiten darstellen.

    Globale kognitive Reorganisation im digitalen Zeitalter

    Während des 20. Jahrhunderts stiegen die IQ-Werte weltweit stetig an, doch seit etwa zwei Jahrzehnten dokumentieren jedoch Längsschnittstudien und Metaanalysen in hochindustrialisierten Ländern einen deutlichen Rückgang, der überwiegend auf Umwelt-, Bildungs- und vor allem digitale Einflüsse zurückgeführt wird, nicht auf genetische Ursachen. Besonders in Europa und Nordamerika zeigen sich Verluste in klassischen kognitiven Kernfähigkeiten wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und abstraktem Denken. Gleichzeitig entstehen neue, digital geprägte Kompetenzen, die jedoch den Rückgang grundlegender Fähigkeiten bislang nicht vollständig ausgleichen. In vielen Ländern des Globalen Südens hält der Flynn-Effekt an, wenngleich sich in urbanisierten Regionen mit hoher Digitalisierungsrate erste Stagnationstendenzen abzeichnen. Die Ursachen sind vielfältig: Bildungsreformen mit stärkerer Standardisierung und reduzierter kognitiver Tiefe, Belastung durch Neurotoxine (z. B. Blei, Pestizide), Mangel an essenziellen Mikronährstoffen (Eisen, Jod, Zink, Omega-3-Fettsäuren) sowie die fragmentierende Wirkung digitaler Mediennutzung. Studien belegen, dass multitaskingorientierte, oberflächliche Nutzung sozialer Medien und künstlicher Intelligenz die Exekutivfunktionen, die Arbeitsgedächtnisleistung und die Aufmerksamkeitsspanne beeinträchtigen. Gleichzeitig kann eine gezielte, strukturierte Nutzung digitaler Technologien – insbesondere bei älteren Erwachsenen – kognitive Reserven stärken. Die Debatte um eine „digitale Intelligenz“ bleibt umstritten, da empirische Befunde zeigen, dass neue mediale Kompetenzen bislang nicht die Verluste in fundamentalen Fähigkeiten kompensieren. Fachgremien wie OECD, WHO und der European Brain Council fordern daher eine umfassende Neugestaltung von Testinstrumenten, Bildungsplänen und Gesundheitspolitiken. Dazu zählen kultursensitive Messmethoden, curriculare Schwerpunkte auf kritischem Denken und analoger Problemlösung, begrenzte Bildschirmzeiten, altersgerechte Digitalkompetenzprogramme sowie die Sicherstellung einer neuroprotektiven Ernährung. Die aktuelle Evidenz verdeutlicht, dass es sich um eine globale kognitive Reorganisation handelt, die nicht linear verläuft und kulturell wie regional unterschiedlich ausfällt. Ob diese Entwicklung zu einer adaptiveren Gesamtintelligenz führt oder zu funktionellen Defiziten in komplexen Gesellschaften, hängt maßgeblich von der Geschwindigkeit und Wirksamkeit interdisziplinärer Gegenmaßnahmen ab.

    Literatur

    Pietschnig, J., Voracek, M., & Gittler, G. (2018). Is the Flynn effect related to migration? Meta-analytic evidence for correlates of stagnation and reversal of generational IQ test score changes. Politische Psychologie, 6, 267-283.
    Stangl, W. (2025, 10. August). Globale kognitive Reorganisation im digitalen Zeitalter. Psychologie-News.
    https:// psychologie-news.stangl.eu/5993/globale-kognitive-reorganisation-im-digitalen-zeitalter.
    https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/migrationsbewegungen-nicht-verantwortlich-fuer-sinkenden-iq/ (19-06-11)


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