Gesundheitszwänge und Schönheitsideale

Die Wahrnehmung der körperlichen Attraktivität ist in den verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich, insbesondere in Bezug auf die Körpergröße und Körperform von Frauen. Boothroyd et al. (2020) haben Hypothesen untersucht, ob visuelle Medien westliche schlanke Ideale in andere Kulturkreise transportieren können. Sie lieferten dabei sowohl einen Querschnitts-, Längsschnitt- als experimentellen Nachweis mittels Feldforschung, dass die Medienexposition Veränderungen in der Wahrnehmung der weiblichen Attraktivität bewirken kann. Dabei wurde der Einfluss des Medienzugangs auf weibliche Körperideale in einer abgelegenen Region Nicaraguas überprüft, indem man Stichproben aus Dörfern (300 Männer und Frauen) mit und ohne regelmäßigen Fernsehzugang miteinander verglich. Es zeigte sich dabei, dass ein höherer Fernsehkonsum ein signifikanter Prädiktor für die Präferenz für schlankere, kurvigere Frauenfiguren ist. Während die erste Gruppe Frauen mit einem Body-Mass-Index von 22 am ansprechendsten fand, lag der durchschnittlich bevorzugte Body-Mass-Index bei der Vergleichsgruppe um fünf Punkte höher. Innerhalb eines Dorfes zeigten die Analysen über drei Jahre hinweg auch einen Zusammenhang zwischen dem erhöhten Fernsehkonsum und den Präferenzen für schlankere Figuren. Schließlich zeigt eine experimentelle Studie in zwei medienarmen Dörfern, dass sich der Kontakt mit Medienbildern von Modellen direkt auf die Ideale der Teilnehmerinnen auswirkte. In einer Befragung hatte man nämlich manchen Dorfbewohnern Fotos von sehr schlanken Frauen gezeigt, anderen hingegen Aufnahmen von Frauen mit deutlich mehr Körperfülle, wobei sich danach die Einstellung der ProbandInnen in Richtung des ihnen präsentierten Schönheitsideals verschob.

Durch Gesundheitszwänge und Schönheitsideale erscheint oft der normale Körper lächerlich, denn die Unterhaltungsindustrie und Werbung präsentieren gestylte Models, die Gesundheit und Schönheit ausstrahlen. Wer diese unrealistischen Schönheitsideale zum eigenen Maßstab nimmt, gerät in Schwierigkeiten wie Unzufriedenheit mit sich selbst, Depression, riskante Körpermodifikation, bei der Magersucht einen Extremfall darstellt. Klinisch betrachtet geraten die Menschen durch den medialen Beschuss mit Idealen in den Zustand kumulativer Traumatisierung, denn immer wieder bekommen sie ihre körperliche Unvollkommenheit, die oft auch mit seelischen Mängeln assoziiert wird, vor Augen geführt, und, was besonders psychische Probleme verursachen kann, mit der unerfüllbaren Auflage, diese Mängel beheben zu müssen. Die kumulative Traumatisierung erzeugt entweder chronische Scham und/oder narzisstische Wut, denn die Verführung durch Schönheitsideale, dieses anhaltende, aber unerfüllbare Drängen nach Vollkommenheit, erzeugt das Gefühl der Ohnmacht, das wie ein Stachel den Narzissmus reizt.


Literatur

Boothroyd, L.G., Jucker, J.-L., Thornborrow, T. Barton, R., Burt, D.M. Evans, E.H. Jamieson, M. & Tovee, M.J. (2020). Television Consumption Drives Perceptions of Female Body Attractiveness in a Population Undergoing Technological Transition. Journal of Personality and Social Psychology, doi:10.1037/pspi0000224.
http://www.pabst-publishers.de/aktuelles/20140820.htm  (14-08-20)