Die psychische Verfassung vieler Menschen unterliegt saisonalen Schwankungen, wobei insbesondere die späten Wintermonate eine Herausforderung für das Wohlbefinden darstellen. Während die kalte Jahreszeit anfangs oft noch positiv besetzt ist, schlägt die Stimmung bei anhaltender Dunkelheit und Kälte häufig in Antriebslosigkeit und Motivationsmangel um. Experten führen dies auf erschöpfte biologische Reserven und eine Diskrepanz zwischen der inneren biologischen Uhr und den gesellschaftlichen Leistungsanforderungen zurück. Während der Körper physiologisch in einen Energiesparmodus schaltet, verlangt der moderne Alltag eine gleichbleibende Leistungsfähigkeit, was zu chronischem Schlafmangel und Erschöpfung führen kann.
Das Phänomen des „Winterblues“ tritt demnach verstärkt gegen Ende der Winterzeit auf, wenn die Lichtreserven des Körpers nach monatelanger Dunkelheit aufgebraucht sind. Mediziner weisen darauf hin, dass neben dem tatsächlichen Lichtmangel auch die psychologische Erwartungsenttäuschung eine Rolle spielt, wenn die Sehnsucht nach dem Frühling auf eine weiterhin graue und kalte Realität trifft.
Biologisch lässt sich dieser Zustand durch eine Art „Mini-Winterschlaf“ erklären, in den der Mensch im Herbst eintritt. Studien zeigen, dass der Serotoninspiegel im Gehirn im Laufe des Winters massiv absinkt – teilweise auf nur noch 20 bis 30 Prozent des Normalwerts. Damit verbunden ist eine Veränderung des Schlafbedarfs. In Laborstudien wurde festgestellt, dass Menschen im Winter unter natürlichen Bedingungen etwa eine Stunde länger schlafen würden als im Sommer. Da soziale Strukturen wie Arbeits- und Schulzeiten jedoch keine Rücksicht auf diese saisonalen Rhythmen nehmen und Wecker ganzjährig zur gleichen Zeit klingeln, leben viele Menschen im Winter in einem dauerhaften Schlafdefizit, was die Leistungsfähigkeit mindert und das allgemeine Unwohlsein verstärkt.
Die Anpassung an wärmeres Wetter und längere Tage erfolgt dabei zeitversetzt, denn so benötigt der Körper nach dem Überschreiten des Gefrierpunktes etwa zwei Wochen, um die Schlafdauer wieder zu verkürzen. Davon abzugrenzen ist die klinisch relevante Saisonal-Abhängige Depression (SAD). Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Depression zeichnet sich die SAD nach psychologischen Definitionen oft durch spezifische atypische Symptome aus, wie ein gesteigertes Schlafbedürfnis, Heißhunger auf Kohlenhydrate und eine daraus resultierende Gewichtszunahme. Die Ursache liegt primär in der Verschiebung des Melatoninhaushalts durch fehlendes Tageslicht, was den circadianen Rhythmus stört. Zur Behandlung wird häufig die Lichttherapie eingesetzt, die den Mangel an natürlichem Sonnenlicht kompensiert. Während der leichte Winterblues einen Großteil der Bevölkerung betreffen kann, leiden unter der klinischen SAD schätzungsweise ein bis zehn Prozent der Menschen, wobei Frauen und jüngere Erwachsene eine höhere Anfälligkeit zeigen.
Literatur
Stangl, W. (2024). Saisonal abhängige Depression (SAD). Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/1647/saisonal-abhaengige-depression-sad.
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