Lange Zeit konzentrierte sich die Schlafforschung primär auf die Quantität und die subjektive Qualität der Nachtruhe. Gängige Ratschläge wie die „Acht-Stunden-Regel“ oder die Annahme, Schlaf vor Mitternacht sei grundsätzlich wertvoller, prägten den öffentlichen Diskurs, vernachlässigten jedoch die individuelle Chronobiologie von „Eulen“ und „Lerchen“. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass ein bisher oft unterschätzter Faktor eine Schlüsselrolle für das Wohlbefinden und die Prävention chronischer Krankheiten spielt: die Regelmäßigkeit des Schlafrhythmus. Unabhängig von der absoluten Dauer oder dem gewählten Zeitpunkt scheint die Konsistenz der Einschlaf- und Aufwachzeiten – idealerweise innerhalb eines Zeitfensters von etwa 30 Minuten – entscheidend für die Aufrechterhaltung körperlicher und psychischer Prozesse zu sein.
Eine umfassende Untersuchung im Rahmen des „All of Us Research Program“, die über einen Zeitraum von durchschnittlich 4,5 Jahren die Daten von 6.785 Teilnehmern mittels Wearables und elektronischen Gesundheitsakten auswertete, unterstreicht diesen Zusammenhang. Die Ergebnisse zeigen, dass eine erhöhte Unregelmäßigkeit des Schlafs signifikant mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Adipositas, Hyperlipidämie, Bluthochdruck sowie psychischen Erkrankungen wie Major Depression und generalisierten Angststörungen korreliert (Zheng et al., 2024). Diese Befunde decken sich mit Beobachtungen aus anderen großflächigen Studien, wie etwa einer britischen Untersuchung aus dem Jahr 2024 mit über 88.000 Probanden, bei der unregelmäßige Schlafzeiten mit einem um 50 Prozent erhöhten Demenzrisiko assoziiert wurden.
Die physiologische Plausibilität dieser Zusammenhänge ergibt sich aus der Funktionsweise der inneren Uhren des menschlichen Körpers. Das System ist eng mit hormonellen Zyklen und der Lichtexposition verknüpft; ständige Schwankungen im Rhythmus, wie sie oft durch das Nachholen von Schlaf am Wochenende entstehen, stören dieses fein abgestimmte Gleichgewicht. Neben der Regelmäßigkeit spielen zudem die Schlafarchitektur und die Dauer eine Rolle. Während Tiefschlafphasen und REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) invers mit dem Auftreten von Vorhofflimmern korrelieren, zeigt sich bei der Gesamtschlafdauer oft eine J-förmige Kurve: Sowohl zu wenig als auch exzessiv viel Schlaf können das Risiko für Bluthochdruck und psychische Störungen erhöhen (Zheng et al., 2024).
Trotz dieser bemerkenswerten statistischen Zusammenhänge bleibt die Frage nach der Kausalität in Beobachtungsstudien komplex. Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abschließend geklärt, ob der unregelmäßige Schlaf die primäre Ursache der Erkrankungen ist oder ob bestehende pathologische Prozesse – wie eine beginnende Demenz oder Herz-Kreislauf-Probleme – den Schlafrhythmus stören. Es ist eine wechselseitige Beeinflussung denkbar. Dennoch weisen die aktuellen Daten mit hoher Deutlichkeit darauf hin, dass eine stabile Schlafroutine ein wesentlicher Pfeiler der Gesundheitsvorsorge ist. Die Empfehlung, auch am Wochenende sowie unabhängig von individuellen Chronotypen feste Zeiten einzuhalten, gewinnt somit als evidenzbasierte Maßnahme zur Senkung des Risikos für chronische Leiden massiv an Bedeutung.
Literatur
Zheng, N. S., Annis, J., Master, H., Han, L., Gleichauf, K., Ching, J. H., Nasser, M., Coleman, P., Desine, S., Ruderfer, D. M., Hernandez, J., Schneider, L. D., & Brittain, E. L. (2024). Sleep patterns and risk of chronic disease as measured by long-term monitoring with commercial wearable devices in the All of Us Research Program. Nature Medicine, 30(9), 2648–2656.
Nachricht ::: Stangls Bemerkungen ::: Stangls Notizen ::: Impressum
Datenschutzerklärung ::: © Werner Stangl :::