In der wissenschaftlichen Debatte über die Auswirkungen von Cannabiskonsum hat sich der Fokus lange Zeit primär auf die Risiken für junge Menschen konzentriert, bei denen die Droge nachweislich die kognitive Leistungsfähigkeit und die Gehirnaktivität in intelligenzrelevanten Arealen mindert. Angesichts einer alternden Gesellschaft und einer zunehmenden Verfügbarkeit von Cannabis, das von Senioren häufig zur Behandlung von chronischen Schmerzen oder Schlafstörungen genutzt wird, rückt jedoch die Frage nach den langfristigen Folgen für das alternde Gehirn in den Mittelpunkt. Eine umfassende Untersuchung von Guha et al. (2025), die auf Daten der britischen Biobank basiert, liefert hierbei überraschende Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass Cannabis im fortgeschrittenen Alter gänzlich andere, teils protektive Effekte erzielen kann als bei jüngeren Konsumenten.
Während der natürliche Alterungsprozess häufig mit Neurodegeneration und einer Abnahme des Gehirnvolumens einhergeht, was wiederum das Risiko für Demenz und kognitiven Abbau erhöht, zeigt die Analyse von über 26.000 Probanden im Alter zwischen 40 und 77 Jahren einen positiven Zusammenhang zwischen lebenslangem Cannabiskonsum und dem Volumen spezifischer Hirnareale. Besonders in Regionen mit einer hohen Dichte an Cannabinoid-Rezeptoren (CB1), wie dem Hippocampus, der Amygdala, dem Putamen und dem Nucleus caudatus, konnte bei moderatem Konsum ein größeres Volumen festgestellt werden (Guha et al., 2025). Diese volumetrischen Zunahmen korrelieren signifikant mit einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit in Bereichen wie dem Gedächtnis, dem Lernen, der Verarbeitungsgeschwindigkeit und der Aufmerksamkeit. Man vermutet, dass diese positiven Effekte auf die Modulation des Endocannabinoid-Systems zurückzuführen sein könnten, welches Entzündungsprozesse und die Immunfunktion beeinflusst und somit potenziell neuroprotektiv wirken kann.
Interessanterweise ist dieser Zusammenhang nicht in allen Hirnarealen einheitlich, da ein Rückgang des Volumens im posterioren cingulaten Cortex beobachtet wurde, einem Teil des limbischen Systems. Dennoch deutet die Forschung darauf hin, dass selbst ein geringeres Volumen in genau diesem Bereich paradoxerweise zu einer Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses beitragen könnte (Guha et al., 2025). Darüber hinaus weist die Studie auf biologische Geschlechtsunterschiede hin, die bei der Bewertung der Auswirkungen von Cannabis auf die psychische Gesundheit und die Gehirnstruktur berücksichtigt werden müssen. Trotz dieser vielversprechenden Befunde betonz man, dass Cannabis keine ausschließlich positive Substanz ist, d. h., die Ergebnisse sollen nicht zum Konsum animieren, sondern unterstreichen die Notwendigkeit, Cannabis im Kontext von psychischer Gesundheit und Demenzprävention weiter zu erforschen. Man kann jedoch daraus schließen, dass die Wirkung von Cannabis stark lebensphasenabhängig ist: Während es für die Entwicklung des jugendlichen Gehirns ein Risiko darstellt, könnte es im Alter dazu beitragen, die kognitive Resilienz zu stärken und dem altersbedingten Abbau entgegenzuwirken.
Literatur
Guha, A., Fu, Z., Calhoun, V. & Hutchison, K. E. (2025). Lifetime cannabis use is associated with brain volume and cognitive function in middle-aged and older adults. Journal of Studies on Alcohol and Drugs, doi:10.15288/jsad.25-00346
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