Aufschieben beginnt im Gehirn

Prokrastination hat nicht unbedingt mit Faulheit zu tun, vielmehr handelt es sich dabei um ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung, für das es in extremen Fällen professionelle psychologische Hilfe gibt. Jüngst haben Schlüter et al. (2018) in einer Untersuchung herausgefunden, dass sich das Gehirn der Aufschieber von dem der Macher unterscheidet, denn die Probanden mit einer schlechten Handlungskontrolle besitzen eine größere Amygdala, wobei bei diesen die funktionelle Verbindung zwischen Amygdala und dem dorsalen anterioren cingulären Cortex weniger stark ausgeprägt ist.

Die Amygdala ist vor allem dazu da, um Situationen und deren Ausgang zu beurteilen und uns vor möglichen negativen Konsequenzen zu warnen, während der dorsale anteriore cinguläre Cortex Informationen über den potenziellen Ausgang einer Handlung nutzt, um auszuwählen, was von den Alternativen umgesetzt wird. Man vermutet nun, dass die Handlungskontrolle deshalb nicht mehr erfolgreich ausgeführt werden kann, weil das Zusammenspiel zwischen Amygdala und dorsalem anterioren cingulären Cortex gestört ist. Menschen mit höherem Amygdala-Volumen könnten eine grössere Furcht vor den negativen Konsequenzen einer Handlung haben, und zögern bzw. schieben Dinge auf. Diese geringe funktionelle Kopplung zwischen der Amygdala und dem dorsalen Cortex könnte diesen Effekt weiter verstärken, indem störende negative Emotionen und Handlungsalternativen unzureichend reguliert werden.

Möschl et al. (2019) haben in einer Metastudie untersucht, was im Gehirn von Menschen passiert, wenn sie eine aufgeschobene Aufgabe erledigt haben. Aufgeschobene Absichten beeinflussen bekanntlich das Denken und Handeln, doch sobald sie erledigt sind, sollten sie eigentlich deaktiviert und sozusagen von der neuronalen To-do-Liste gestrichen werden. Allerdings werden erledigte Absichten manchmal nicht sofort deaktiviert, sondern können Menschen sogar beim Umsetzen neuer Absichten beeinträchtigen. Das geschieht vor allem dann, wenn Handlungen bis zu einem bestimmten Ereignis oder einem besonders auffälligen Reiz aufgeschoben wurden, wie etwa das Einnehmen von Medikamenten. Handlungsabsichten werden zwar tatsächlich oft deaktiviert, sobald sie erledigt wurden, doch diese Deaktivierung funktioniert nicht immer perfekt, denn zum Teil müssen Schritt für Schritt alte Verbindungen aufgelöst und neue aufgebaut werden, bis Ereignisse oder Reize nicht mehr zum Abruf der erledigten Absicht führen.

Literatur

Möschl, M., Fischer, R., Bugg, J. M., Scullin, M. K., Goschke, T., & Walser, M. (2019). Aftereffects and deactivation of completed prospective memory intentions: A systematic review. Psychological Bulletin, doi:10.1037/bul0000221.
Schlüter, Caroline, Fraenz, Christoph, Pinnow, Marlies, Friedrich, Patrick, Güntürkün, Onur & Genç, Erhan (2018). The Structural and Functional Signature of Action Control. Psychological Science, 29, 1620-1630.
Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Prokrastination‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/814/prokrastination (18-02-12)


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