Zum Inhalt springen

Architektur des Ichs: Die dynamische Symbiose von Erinnern und Vergessen

    Anzeige

    Das menschliche Gedächtnis ist weit mehr als ein passives Archiv für Vergangenes; es bildet das fundamentale Gerüst unserer Identität und ermöglicht erst die Konstruktion eines konsistenten Selbstbildes. Wie der Fall von Nicole Adam verdeutlicht, führt der Verlust autobiografischer Erinnerungen durch zerebrale Insulte nicht nur zu einer Wissenslücke, sondern zu einer existenziellen Krise des „Ichs“. Wissenschaftlich betrachtet basiert diese Verbindung auf der engen Vernetzung des episodischen Gedächtnisses mit präfrontalen Hirnarealen, die für die Selbstwahrnehmung zuständig sind. Doch die moderne Neurowissenschaft zeigt auch die enorme neuronale Plastizität auf: Durch gezielte Rehabilitation, etwa mittels Ergotherapie oder immersiver VR-Technologien, kann das Gehirn lernen, geschädigte Netzwerke zu kompensieren oder neue Verknüpfungen aufzubauen.

    Dass Gedächtnisleistung kein statisches Schicksal ist, beweisen Mnemotechniker wie Johannes Mallow oder Schauspielerinnen wie Henriette Hölzel. Sie nutzen die evolutionär bedingte Stärke des menschlichen Gehirns für räumliche Orientierung und emotionale Verknüpfung. Die sogenannte Loci-Methode oder der Gedankenpalast transformiert abstrakte Informationen in visuelle Pfade, was die neuronale Enkodierung im Hippocampus massiv verstärkt. Parallel dazu betont die Forschung, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns nicht allein durch Aufnahme, sondern maßgeblich durch Selektion bestimmt wird. Das von Andreas Papassotiropoulos beschriebene aktive Vergessen ist ein neurobiologischer Reinigungsprozess, der die synaptische Überlastung verhindert und die kognitive Flexibilität erhält. Unterstützt wird diese Homöostase durch physiologische Faktoren wie Schlaf – in dem die Konsolidierung von Inhalten stattfindet – und körperliche Bewegung, die die Ausschüttung neurotropher Faktoren (wie BDNF) fördert. Letztlich fungiert das Gedächtnis, wie Hannah Monyer darlegt, als dynamischer Filter: Es nutzt die Erfahrungen der Vergangenheit, um Simulationen für die Zukunft zu erstellen, wodurch wir kontinuierlich an der Version unseres zukünftigen Selbst arbeiten.

    Literatur

    Baddeley, A. D., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). *Memory*. Routledge.
    Monyer, H., & Gessmann, J. (2015). *Das geniale Gedächtnis: Wie das Gehirn aus der Vergangenheit unsere Zukunft macht*. Knaus.
    Schacter, D. L. (2001). *The seven sins of memory: How the mind forgets and remembers*. Houghton Mifflin.


    Nachricht ::: Stangls Bemerkungen ::: Stangls Notizen ::: Impressum
    Datenschutzerklärung ::: © Werner Stangl :::

    Schreibe einen Kommentar