In der Wahrnehmungspsychologie zählt der sogenannte Attraktivitäts-Halo-Effekt zu den bekanntesten und stabilsten Phänomenen. Er beschreibt die unbewusste Neigung, von einem einzelnen auffälligen Merkmal – wie der körperlichen Attraktivität – pauschal auf eine Reihe weiterer positiver Eigenschaften wie Intelligenz, soziale Kompetenz oder Vertrauenswürdigkeit zu schließen. Solche voreiligen Urteile haben weitreichende Konsequenzen, da attraktive Menschen nachweislich im Berufsleben und bei der Partnersuche von ihnen profitieren. Lange Zeit galt dieses Phänomen als fest verankert und kaum korrigierbar. Um zu prüfen, ob solche stereotypen Zuschreibungen tatsächlich in Stein gemeißelt sind oder ob sie sich durch neue Informationen verändern lassen, führte man eine umfassende Studienreihe durch (Rougier & De Houwer, 2024).
Für ihre Untersuchung analysierte man in drei vorregistrierten Experimenten mit insgesamt 1.131 Teilnehmern die Formbarkeit dieser Eindrücke. Den Probanden wurden Gesichtsmittefotos unterschiedlicher Attraktivität gezeigt, woraufhin sie spontane Charakterurteile fällten. Anschließend erhielten die Teilnehmer den Hinweis, dass die gezeigten Bilder bearbeitet worden sein könnten und die abgebildeten Personen in der Realität möglicherweise attraktiver oder unattraktiver waren als zunächst angenommen. Schließlich bewerteten die Versuchspersonen dieselben Personen erneut, um festzustellen, ob und in welchem Maße sich die anfänglichen Urteile aufgrund der veränderten Informationsgrundlage verschoben hatten .
Die Ergebnisse belegen einen nachweisbaren „Halo-Update-Effekt“: Erfuhren die Teilnehmer, dass eine anfangs als attraktiv eingestufte Person in Wirklichkeit weniger attraktiv war, passten sich die zugeschriebenen Charaktereigenschaften entsprechend an. Besonders stark zeigte sich dieser Wandel bei jenen Eigenschaften, die stereotyp am engsten mit Attraktivität verknüpft sind. Dennoch ist diese Formbarkeit an Bedingungen geknüpft, da eine lediglich beiläufige Andeutung einer Bildbearbeitung in einem ersten Versuch noch nicht ausreichte, um eine Korrektur hervorzurufen; erst eine deutliche Manipulation führte zu einer Neubewertung der Probanden. Angesichts der heutigen Verbreitung retuschierter Fotos in sozialen Medien und auf Dating-Plattformen besitzen diese Befunde eine erhebliche praktische Relevanz. Sie verdeutlichen, dass Vorurteile und fest gefügten Zuschreibungen zwar tief verankert, aber nicht völlig unabänderlich sind, was im Alltag zu einem bewussteren und faireren Umgang bei der Beurteilung von Menschen beitragen kann (Rougier & De Houwer, 2024).
Literatur
Rougier, M., & De Houwer, J. (2024). Updating stereotypical attributions in light of new information: The attractiveness halo effect changes when attractiveness changes. European Journal of Social Psychology, 54(1), 364–379.
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