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Wie Doomscrolling die Gesundheit gefährdet

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    Die ständige Verfügbarkeit von Nachrichten über globale Krisen, Kriege und Katastrophen stellt eine massive Belastung für die menschliche Psyche und den Körper dar. Psychologische und medizinische Langzeitstudien zeigen übereinstimmend, dass der exzessive Konsum von bildgewaltigen Katastrophenberichten schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann. Ursächlich hierfür ist ein evolutionär tief verwurzelter Überlebensinstinkt, der die menschliche Aufmerksamkeit automatisch auf potenzielle Bedrohungen lenkt. Wird dieser Mechanismus jedoch durch den ununterbrochenen Strom moderner Nachrichtenmedien dauerhaft getriggert, verbleibt der Körper in einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Die chronische Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol erschöpft langfristig sowohl das körpereigene Stressregulationssystem als auch das Belohnungssystem des Gehirns. Betroffene leiden in der Folge unter zunehmender Müdigkeit, Ängsten, Hoffnungslosigkeit sowie dem Verlust der Freude an Alltagsaktivitäten, was die gesamte Lebensqualität massiv einschränkt. Die neurobiologische Ursache liegt unter anderem in der Amygdala, dem Alarmsystem des Gehirns, dem bei fortlaufender medialer Konfrontation die notwendige Zeit zur Erholung und Regeneration fehlt.

    Besonders durch die Allgegenwärtigkeit unzensierter sozialer Medien hat sich diese Dynamik verschärft, da dort drastische Bilder ohne redaktionelle Filter geteilt werden. Forschungen im Kontext kollektiver Traumata – wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001, dem Anschlag auf den Boston-Marathon oder dem Attentat in Orlando – offenbaren ein paradoxes Phänomen: Menschen, die die Ereignisse intensiv über Stunden am Bildschirm verfolgten, zeigten im Nachgang teilweise stärkere akute psychische Symptome, Albträume und posttraumatische Belastungsstörungen als Menschen, die sich direkt am Ort des Geschehens befanden. Während für die Augenzeugen vor Ort das Trauma mit dem Verlassen des Schauplatzes endete, verharren Medienkonsumenten durch das wiederholte Betrachten der Bilder in einer psychologischen Endlosschleife des Grübelns.

    Aus dieser Belastung erwächst häufig ein destruktiver Teufelskreis, der heute als Doomscrolling bekannt ist: Die durch eine schlechte Nachricht ausgelöste Angst führt zu einer gesteigerten Wachsamkeit und dem Bedürfnis nach Kontrolle, woraufhin Betroffene noch mehr Nachrichten konsumieren und sich dadurch psychisch weiter destabilisieren. Begünstigt wird dies durch Algorithmen sozialer Netzwerke, die Nutzer gezielt mit weiteren alarmierenden Inhalten versorgen. Da in den vergangenen Jahren krisenhafte Ereignisse ohne Unterbrechung aufeinanderfolgten, fehlt dem menschlichen Organismus die Möglichkeit zur Regulation. Dennoch lässt sich die mentale Gesundheit durch bewusste Verhaltensänderungen schützen. Experten empfehlen, beim Medienkonsum gezielt auf körperliche Stresssignale wie Muskelanspannungen oder eine erhöhte Herzfrequenz zu achten und rechtzeitig Pausen einzulegen. Zudem helfen feste, zeitlich begrenzte Zeitfenster für den Nachrichtenkonsum sowie das bewusste Vermeiden oder Abdecken von drastischem Bildmaterial, um informiert zu bleiben, ohne das eigene Wohlbefinden langfristig zu gefährden.

    Literatur

    Silver, R. C., Holman, E. A., Andersen, J. P., Poulin, M., McIntosh, D. N., & Gil-Rivas, V. (2013). Mental- and physical-health effects of acute exposure to media images of the September 11, 2001, attacks and the Iraq War. Psychological Science, 24(9), 1623–1634.


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