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Babys erlernen vor dem ersten Geburtstag die Kunst der Täuschung

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    Lange Zeit herrschte in der Wissenschaft die Überzeugung vor, dass Kinder erst mit etwa drei Jahren fähig sind, andere bewusst zu täuschen, da hierfür die sogenannte „Theory of Mind“ – also die Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen – als zwingende Voraussetzung galt. Eine aktuelle Untersuchung von Hoicka et al. (2026) widerlegt diese Annahme jedoch und zeigt, dass die Wurzeln des strategischen Flunkerns wesentlich tiefer liegen. Inspiriert durch Beobachtungen im Tierreich, wo auch Arten ohne komplexe Sprache wie Schimpansen oder Antilopen ihre Artgenossen etwa durch das Verbergen von Futter in die Irre führen, entwickelten die Forschenden den „Early Deception Survey“ (EDS). Dieser Fragenkatalog identifiziert 16 verschiedene Formen von Täuschungsmanövern, die bereits bei Kleinstkindern beobachtet werden können. Die Auswertung von Daten von über 750 Kindern unter vier Jahren ergab dabei ein überraschendes Bild: Bereits im Alter von etwa zehn Monaten beginnt rund ein Viertel der Babys damit, Informationen zu manipulieren oder Verhaltensweisen vorzutäuschen. Zu den frühesten Taktiken gehört das strategische Verstecken von Spielzeug, um es nicht teilen zu müssen, dicht gefolgt vom heimlichen Ausführen verbotener Handlungen mit etwa elf Monaten. Mit nur einem Jahr nutzen die ersten Kinder bereits nonverbale Signale wie das Kopfschütteln, um Unwahrheiten zu verbreiten, beispielsweise wenn sie nach dem Naschen von Süßigkeiten gefragt werden.

    Im weiteren Verlauf der ersten Lebensjahre verfeinern sich diese Strategien zusehends und gewinnen an Komplexität. Während Babys eher rudimentäre Formen des Versteckens oder Ignorierens von Anweisungen nutzen, entwickeln Dreijährige bereits ein Repertoire, das gezielte Ablenkungsmanöver, Übertreibungen oder das bewusste Vorenthalten von kontextuellen Informationen umfasst. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Melden eines Streits, bei dem das Kind zwar die Aggression des Geschwisterkindes betont, den eigenen vorangegangenen Schlag jedoch verschweigt. Die Studie verdeutlicht zudem, dass die soziale Umgebung eine entscheidende Rolle spielt; Kinder, deren Eltern selbst häufiger kleine Täuschungen im Alltag einsetzen oder diese spielerisch fördern, entwickeln ihre Fähigkeiten in diesem Bereich schneller. Trotz der negativen Konnotation des „Lügens“ betont man den funktionalen Wert dieser Entwicklung, denn Täuschung wird hier als eine Schlüsselkompetenz der sozialen Kommunikation verstanden, die es Kindern ermöglicht, Machtverhältnisse gegenüber Erwachsenen auszugleichen und ihre eigenen Interessen effektiv zu wahren. Allerdings ist das Flunkern kein Zeichen moralischen Defizits, sondern ein normaler und kognitiv bemerkenswerter Meilenstein in der menschlichen Entwicklung, der hilft, die Welt der sozialen Interaktion besser zu navigieren.

    Literatur

    Hoicka, E., Prouten, E., Matthews, D., Saul, J. M., & Donnellan, E. (2026). The Early Deception Survey (EDS): Its psychometric properties in children aged 10–47 months. Cognitive Development, 78, doi:10.1016/j.cogdev.2026.101677


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