Wer kennt das nicht? Man steht in einem Supermarkt und spricht leise vor sich hin: „Habe ich alles, was ich brauche?“ Oder man murmelt sich etwas zu, um die eigene Konzentration zu steigern, etwa: „Konzentrier dich jetzt, du schaffst das!“ Während diese Momente von Außenstehenden oft mit verwirrten Blicken bedacht werden, ist das laut mit sich selbst sprechen aus psychologischer Sicht keineswegs ein Zeichen für eine psychische Störung. Vielmehr ist es ein völlig normales menschliches Verhalten, das sogar durchaus nützlich sein kann.
Die Psychologie ist der Ansicht, dass Selbstgespräche in erster Linie helfen, Gedanken zu ordnen und Gefühle zu regulieren. Sie dienen als eine Art innerer Dialog, der uns hilft, Klarheit zu gewinnen, insbesondere in herausfordernden oder stressigen Situationen. Indem wir uns selbst ansprechen, gelingt es uns, den Überblick zu behalten und unsere Emotionen besser zu steuern. Dies ist ein wichtiger Mechanismus der Selbstregulation: Wer mit sich selbst spricht, kann sich selbst beruhigen, sich motivieren oder eine schwierige Entscheidung reflektieren.
Kross et al. (2014) haben in einigen Experimenten herausgefunden, dass Menschen, die über sich selbst in der Du-Form statt in der Ich-Form sprechen, in stresshaltigen Situationen souveräner, überlegter und optimistischer waren. Wenn Menschen beim stillen, inneren Monolog nicht Ich sagen, sondern sich mit Du oder dem eigenen Namen ansprechen, wirkt das offensichtlich selbst-distanzierend und entspannend, weshalb man dann ruhiger handeln kann. Es empfiehlt sich daher, vor solchen Situationen kurz über sich selbst in der Du-Form statt in der Ich-Form nachzudenken, denn das offenbar führt dazu, dass man angstfreier, entspannter, überlegter und optimistischer wird. Dabei hilft diese kleine Veränderung in der Sprache, um Gedanken, Gefühle und Verhalten unter sozialem Stress besser zu steuern, was sogar für Menschen zutrifft, die sozial ängstlich sind.
Warum sind Selbstgespräche hilfreich?
Selbstgespräche bieten eine Möglichkeit, innere Konflikte zu lösen und die eigene Denkweise zu strukturieren. Gerade in Momenten, in denen wir vor einer wichtigen Entscheidung stehen oder mit komplexen Gefühlen zu kämpfen haben, kann das verbale Nachdenken einen klareren Blick auf die Situation werfen. Studien belegen, dass Selbstgespräche die kognitive Verarbeitung fördern und dabei helfen, emotionalen Stress abzubauen. Sie ermöglichen es uns, Gedanken zu sortieren und Entscheidungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, ohne sich von äußeren Einflüssen oder der Meinung anderer ablenken zu lassen.
Ein weiterer Nutzen von Selbstgesprächen ist ihre Fähigkeit zur Motivation. Wenn wir uns selbst anspornen oder uns zu einer Aufgabe ermutigen, ist dies eine bewährte Strategie, um auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Besonders in stressigen Momenten, wie vor einer wichtigen Präsentation oder einer Prüfung, kann es helfen, sich selbst Zuspruch zu geben oder sich vor Augen zu führen, dass man die Herausforderung meistern kann.
Wann können Selbstgespräche problematisch werden?
Obwohl Selbstgespräche in vielen Situationen förderlich sind, gibt es auch Momente, in denen sie kontraproduktiv wirken können. Zum Beispiel kann das öffentliche Sprechen mit sich selbst, insbesondere in sozialen Kontexten, unangenehm sein. Wenn man das Gefühl hat, beobachtet zu werden, oder sich für sein Verhalten schämt, kann dies den gewünschten Effekt – etwa die Beruhigung oder Konzentration – zunichte machen. In solchen Fällen können die eigenen Gefühle von Aufregung und Peinlichkeit den Nutzen der Selbstgespräche überschattet und sogar verstärken.
Zudem könnte es problematisch werden, wenn jemand permanent auf Selbstgespräche angewiesen ist, um sich zu beruhigen oder zu fokussieren. Wenn Selbstgespräche die einzige Methode sind, um emotionalen Stress abzubauen oder klarer zu denken, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass tiefere emotionale oder psychische Konflikte bestehen. In solchen Fällen empfiehlt es sich, das Verhalten genauer zu hinterfragen und gegebenenfalls professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um gesündere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Die Bedeutung von Selbstreflexion
Insgesamt lässt sich sagen, dass Selbstgespräche ein wertvolles Werkzeug für die Selbstreflexion und emotionale Stabilität darstellen. Sie bieten die Möglichkeit, mit sich selbst in Kontakt zu treten, Gedanken zu ordnen und schwierige Emotionen zu verarbeiten. Besonders in stressigen oder unsicheren Zeiten können sie dazu beitragen, den inneren Dialog zu stärken und eine gesunde Balance zwischen Reflexion und Handeln zu finden.
Wie bei vielen psychologischen Phänomenen ist auch hier der Kontext entscheidend. Wenn Selbstgespräche bewusst und gezielt eingesetzt werden, können sie das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit fördern. Sie sind ein einfacher, aber effektiver Mechanismus, um sich selbst zu unterstützen, sich zu motivieren und mit Herausforderungen besser umzugehen. Wer jedoch das Gefühl hat, von diesen Gesprächen dauerhaft abhängig zu sein, sollte sich die Frage stellen, ob diese Strategie ausreicht oder ob tiefere Auseinandersetzungen mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen notwendig sind.
Selbstgespräche sind also weit mehr als ein unauffälliges, manchmal schräg anmutendes Verhalten. Sie sind eine psychologisch wertvolle Methode, um mit sich selbst in Dialog zu treten, zu reflektieren und die eigenen Emotionen zu steuern. Wer dieses Werkzeug mit Bedacht einsetzt, kann davon profitieren – sowohl in persönlichen als auch in beruflichen Situationen.
Literatur
Brinthaupt, T. M. (2009). The self-talk handbook: Everything you ever wanted to know about the power of positive self-talk. New York: McGraw-Hill.
Hatzigeorgiadis, A. & Theodorakis, Y. (2004). Self-talk and sports performance: A meta-analysis. Psychology of Sport and Exercise, 5, 73-84.
Kross, E., Bruehlman-Senecal, E., Park, J., Burson, A., Dougherty, A., Shablack, H., Bremner, R., Moser, J. & Ayduk O. (2014). Self-Talk as a Regulatory Mechanism: How You Do It Matters. Journal of Personality and Social Psychology, 106, 304-324.
Nezu, A. M. & Nezu, C. M. (2012). Cognitive-behavioral therapy for adults with depression. New York: Guilford Press.
Senay, I. & Albarracín, D. (2002). The impact of self-talk on performance: A meta-analysis. Journal of Sport and Exercise Psychology, 24, 191-217.
Stangl, W. (2025, 31. Jänner). Positive Selbstgesprächsregulation. Lerntipps: Die Neuigkeiten.
https:// lerntipps.lerntipp.at/positive-selbstgespraechsregulation.
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