Wie beeinflussen Routinen das Entscheidungsverhalten?

Die Annahme eines stets vernünftig handelnden Menschen kommt aus den Wirtschaftswissenschaften, doch nicht immer wägen Menschen Kosten und Nutzen ab, sondern sie folgen vor allem in kritischen Situationen ihren Gefühlen, Konventionen und auch Werten. Daher hat die jeweilige Interpretation einer Situation eine starke Auswirkung auf das menschliche Handeln, denn je nachdem, wie Menschen eine Situation auffassen und welche Normen sie damit verbinden, so verhalten sie sich, und das kann sowohl  spontan aber auch die Alternativen abwägend sein.

Der Großteil des menschlichen Handelns im Alltag ist spontan, von Routinen und Gewohnheiten bestimmt und ohne dabei immer Kosten und Nutzen gegeneinander zu stellen, denn Menschen sind oft zu träge zum Nachdenken. Je wichtiger allerdings eine Entscheidung für das spätere Leben aber ist wie die Schulwahl oder die Auswahl des Arbeitsplatzes und je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto länger wird nachgedacht und abgewogen. Auch hierin unterscheiden sich Menschen, denn je stärker die Überzeugungen eines Menschen sind, desto spontaner handelt er. .

Routine ist eine Alternative, die eine Person als Lösung auswählt, weil sie bereits Erfahrung mit dieser Art von Lösung gemacht hat. Routine bedeutet handlungsbezogenes Wissen, das durch einmalige oder wiederholende Erfahrungen erworben wurde (vgl. Betsch 2005, S. 262).

In früheren Untersuchungen zum Entscheidungsverhalten wurden Routinen nicht berücksichtigt. Die Begründung dafür ist im Jahr 1954 zu finden, als Ward Edwards die Nutzentheorie in die Psychologie und zeitgleich auch ein Forschungsparadigma importierte, in welchem die Testpersonen vor neue Entscheidungsproblem gestellt werden. Durch die neuen Probleme soll der Einfluss des Vorwissens verhindert werden. Daher werden Routinen nicht berücksichtigt (vgl. Betsch 2005, S. 262).
Stellt sich die Entscheidungssituation nicht als neu heraus, so kann auf bereits vorhandenes Wissen über diese Entscheidung zurückgegriffen werden. Die Frage lautet nur: „Soll ich wieder so entscheiden oder neue Alternativen in Erwägung ziehen?“ (vgl. Betsch 2005, S. 263).

Ende der Achtziger wurde festgestellt, dass gelernte Handlungsmuster beim Wiedererkennen einer Entscheidungssituation automatisch hervorgerufen werden. Quasi nach dem Motto, wenn Situation X eintritt, dann treffe ich Entscheidung Y. Jüngere Ergebnisse zeigen, dass zur Handlungsgenerierung auch Ziele und Motive entscheidend sind (vgl. Betsch 2005, S. 263f). Bei der Informationssuche zeigte sich, dass mit zunehmender Routine bestätigende Informationen gesucht werden, um sich in seiner Routine bestärken zu lassen. Andererseits wird für die Alternativen nach negativen Informationen gesucht. Wenn jedoch neuartige Aspekte hervorgerufen wurden, akzeptierten stark routinierte Probanden auch Informationen, welche gegen ihre Routine sprechen (vgl. Betsch 2005, S. 264).
Menschen unter Zeitdruck greifen auf Routineentscheidungen zurück, obwohl die selbst gefunden Informationen eindeutig gegen diese Wahl sprechen. Ohne Zeitbegrenzung zeigte sich, dass die meisten Probanden von ihrer Routine abwichen (vgl. Betsch 2005, S. 265).
Weiters wurde festgestellt, dass Gegenevidenz das Entscheidungsverhalten von Menschen mit starker Routine (die Routine wurde bereits sehr oft ausgeführt) wesentlich weniger beeinflusst, als Personen mit schwacher Routine. Interessant ist, wann Personen bereit sind, von ihrer festgefahrenen Routine abzuweichen. Neben dem Zeitdruck spielen die Vertrautheit und die Neuartigkeit eine entscheidende Rolle (vgl. Betsch 2005, S. 265f). Es zeigt sich, dass die Probanden in neuartigen Situationen ohne Zeitdruck sehr häufig von ihren Routinen abwichen. Nahm der Zeitdruck jedoch zu, verfielen sie wieder in das alte Schema der Routineentscheidung (vgl. Betsch 2005, S. 266).
Obwohl viele Menschen von ihrer Routine überzeugt sind, können sie davon abweichen, wenn ihre Routine negative Konsequenzen bringt. Jeder kennt jedoch das Problem, dass man sich entgegen seines Willens doch plötzlich wieder routinemäßig verhält. Untersuchungen zeigen, dass Menschen unter Zeitdruck in 80 % der Fällen „rückfällig“ werden und sich wieder nach altbekannten Entscheidungsmustern verhalten, obwohl sie zuvor explizit entschieden hatten, dass sie von ihren Routinen abweichen möchten (vgl. Betsch 2005, S. 266f).
Durch Konsequenzen (Feedback) lernen Menschen, ob ihre Entscheidung richtig oder falsch war. Ist dieses Feedback unklar oder fehlt es sogar, so können dadurch Menschen in ihren Routinen bestätigt werden, auch wenn diese Routine schlecht ist. Wurde die Routine auf Grund von intensiver Beschäftigung mit der Materie gebildet, so wird es schwierig sein, einen Menschen selbst mit Hilfe eines negativen Feedbacks vom Abweichen der Routine zu überzeugen (vgl. Betsch 2005, S. 267).
Weitere Untersuchungen zeigen, dass das Finden einer Lösung in einer Gruppe durch falsche individuelle Routinen erschwert wird (vgl. Betsch 2005, S. 267). Besitzt eine Person Wissen über Routinen, so beeinflussen diese alle Phasen der Entscheidungsfindung. Die Preference Theory nimmt an, dass Entscheidungen eine Funktion der gefühlsmäßigen Reaktion zu den Alternativen darstellen. Das bedeutet, dass Erfahrungen die Entscheidung nicht direkt, sondern über die Gefühlsebene beeinflussen. Dabei werden die Entscheidungen eigenständig und überlegt getroffen (vgl. Betsch 2005, S. 267f).

Kapazitätsgrenzen bei der Entscheidungsfindung

Nach Untersuchungen von Collins & Koechlin (2012) haben die Frontallappen im Gehirn beim Finden von Entscheidungen bei Menschen meist drei bis vier Strategien zur gleichen Zeit im Fokus und prüfen dabei, welche davon geeignet ist, um das aktuelle Problem zu lösen. Falls keine dieser Strategien Erfolg versprechend ist, wird aus den bereits bekannten eine neue zusammengefügt und überprüft. Ergebnisse einer Computersimulation stützen das Modell der Frontallappenfunktion, das schlussfolgerndes Denken, Lernen und Kreativität beim Entscheiden integriert. In einer Studie mussten die StudienteilnehmerInnen dreistellige Zahlen richtig zusammenstellen, wobei sich die richtige nur über Versuch und Irrtum heraus finden ließ. Danach versuchte man, mit verschiedenen statistischen Modellen die einzelnen Schritte und Schlüsse der ProbandInnen vorauszusagen. Die beste Prognose war jene, mit der das Modell immer drei Lösungswege gleichzeitig berücksichtigte und jeweils mit jener Strategie weiter rechnete, die zumindest zu einer teilweisen Lösung des Problems geführt hatte. Das galt auch wenn bei manchen Aufgaben einfacher gewesen wäre, mehr als drei Strategien in den Blick zu nehmen, blieben die ProbandInnen dennoch bei diesen drei ursprünglichen. Vermutlich handelt es sich um eine Grenze der Verarbeitungskapazität, wobei diese Beschränkung aber in unsicherer oder neuer Umgebung gut kompensiert wird, denn das Gehirn bevorzugt dann neue Strategien und stellt die altbewährteb bald zurück. Diese Fähigkeit war jedoch von ProbandIn zu ProbandIn verschieden, ist also vermutlich an individuelle Kompetenzen gebunden.

Literatur
Betsch, Tilmann (2005). Wie beeinflussen Routinen das Entscheidungsverhalten? Psychologische Rundschau, 56, 261-270.
Collins, Anne & Koechlin, Etienne (2012). Reasoning, Learning, and Creativity: Frontal Lobe Function and Human Decision-Making. PLoS Biology, DOI: 10.1371/journal.pbio.1001293.