Verschiebung von Aggression

Die Aggression ist ein biologisch verankertes Verhaltensprogramm, das hat paradoxerweise eine wichtige Rolle als soziales Regulativ erfüllt, denn normale, d.h., nicht pathologische oder krankhafte, Aggression hat  immer einen Kontext, in dem sie entstand, und sie daher immer auch eine Botschaft. So ist es ist für den Menschen lebensbedrohlich, ohne Bindungen zu leben, einsam oder ausgegrenzt zu sein, sodass in einer solchen Situation das menschliche Gehirn ebenfalls mit dem Notfallprogramm der Aggression reagiert. Damit soll dem Umfeld signalisiert werden, dass man als Betroffener so nicht leben kann, d.h., Kinder und Jugendliche, die keine tragenden Bindungen zu Bezugspersonen haben, haben ein signifikant erhöhtes Risiko für aggressive Verhaltensauffälligkeiten. Aggression wird zwar häufig dort gezeigt, wo sie eigentlich hingehört, aber verschiedene Gründe können dazu führen, dass Wut nicht an diejenigen Menschen adressiert wird, denen sie eigentlich gilt, sondern es kommt zu einer Verschiebung, wobei solche verschobene Aggression auf Mitmenschen unverständlich wirkt und ihre Funktion als soziales Regulativ verliert. „Verschiebung bezeichnet im psychoanalytischen Sprachgebrauch den Vorgang, dass ein Affekt vom tatsächlichen Bezugsobjekt auf ein anderes verlagert wird, das nicht das geringste mit der affektbesetzten Situation zu tun hat. So wendet z.B. der durch Vorgesetzten frustrierte Arbeitnehmer seinen Zorn gegen seine Ehefrau da er ihn am Vorgesetzten nicht ohne unangenehme Folgen auslassen kann. Für Verschiebung werden bevorzugt Objekte ausgewählt, die sich gegen die Affektentladung aufgrund von Unterlegenheit oder Abhängigkeit nicht wehren können“ (Köck & Ott 1997, S. 779). Was etwa viele Jugendliche in der Schule an Destruktivität zeigen, hat ja seinen Ursprung ganz überwiegend nicht in der Schule, sondern ist die Folge von Bindungsmangel und Demütigungserfahrungen im Herkunftsmilieu.

Quellen
Köck, P. & Ott, H. (1997). Wörterbuch für Erziehung und Unterricht. Donauwörth: Verlag Ludwig Auer.
http://www.fr-online.de/wissenschaft/-auf-ungerechtigkeit-reagiert-unser-gehirn-mit-ekel-/-/1472788/8302712/-/view/asFirstTeaser/-/index.html (11-04-06)