Too good Mothering – Probleme der Überversorgung, Überbehütung, Verwöhnung

Die moderne Bindungsforschung sieht heute Probleme der Überversorgung, Überbehütung, Verwöhnung in vielen Familien. Wenn ein Kind bei seinem Versuch, den schwierigen Schritt weg von der Familie hin zur Ordnung der Welt zu vollziehen, immer wieder abgefedert wird, dann entwickelt es zwar kognitive und funktionale Fähigkeiten, aber es bleibt gleichzeitig seltsam „erfahrungslos“, etwa wenn ein Kind beim kleinsten Hindernis oder Unfall sofort von der überängstlichen Mutter aufgefangen wird und sogleich gemeinsam mit dem notwendigen Trösten symbioseähnliche Bindungsintensitäten aufgerufen werden. Die Welt als das kantige Andere wird dann teilweise geleugnet, die Unausweichlichkeit, mit der die Dingwelt sich einem Kind bis in die oft schmerzhaften körperlichen Erinnerungen hinein aufzwingt, wird übermässig gemildert, ebenso wird der Mut und der Zorn, mit dem das Kind sich erneut dem Hindernis  zuwendet, geschwächt. Es lernt sich nicht selber im Umgang mit der Andersartigkeit der Dinge kennen, wobei in vielen modernen Familien auf fatale Weise Bindungsunsicherheit und Überfürsorge Hand in Hand zu gehen scheinen.

Im Fall einer allzu bemühten Mutter, die nicht zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und jenen des Kindes unterscheiden kann, spricht man von einer „symbiotischen Beziehung“, die sich häufig negativ auf die kindliche Entwicklung auswirkt, weil es die Mutter nicht schafft, ihr Kind als eigenständige Person wahrzunehmen. Aber auch Eltern, die sich in eine falsch verstandene Partnerschaftlichkeit mit den Kindern verstricken, können ihr Kind in eine solche Abhängigkeit führen.

Psychoanalytiker warnen daher vor dem „Too good Mothering“, mit dem letztlich nicht nur Mütter sondern auch Eltern gemeint sind. Vor allem wenn eine Mutter von Geburt an die perfekte Harmonie mit ihrem Kind anstrebt, dann neigt sie manchmal dazu, für ihr Kind alles zu tun, noch bevor dieses einen Wunsch äußern kann. Ein solches Verhalten behindert das Kind möglicherweise in seiner Entwicklung, denn wer nie kleinere Frustrationserlebnisse hat, dem wird auch die Chance genommen, zu lernen, damit umzugehen, wenn einmal nicht alles nach Wunsch läuft. Werden die Mutter oder die Eltern als wichtigste Bezugspersonen aber als jemand erlebt, der alles für einen tut, ohne jemals selbst Ansprüche zu stellen, muss sich später nie um die Gunst der Mutter oder Eltern bemühen, was sich langfristig negativ auf das Sozialverhalten auswirken kann, da man nie lernt, auf andere einzugehen oder Rücksicht zu nehmen. Später im Leben begegnet ein so erzogenes Kind seinen Mitmenschen daher gefühlskalt und ist stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht.

Schon beim Baby sollten Mütter daher darauf achten, dass sie nicht allzu prompt auf die Bedürfnisse reagieren, sondern Mütter sollten parallel zu den wachsenden Fähigkeiten ihres Kindes immer weniger perfekt auf das Kind eingehen, sodass es Strategien entwickeln kann, mit solche inneren Spannungszustände zu regulieren und sich selbst zu beruhigen. Wenn man schon als Kleinkind lernt, mit alltäglichen kleineren Frustrationen umzugehen, kann man später Stresssituationen positiv meistern, was das das Selbstbewusstsein stärkt.

Quellen

Bergmann, Wolfgang (2003). Das Drama des modernen Kindes. Hyperaktivität, Magersucht, Selbstverletzung. Düsseldorf, Zürich: Patmos Verlag & Walter Verlag.
Können Mütter zu perfekt sein? OÖN vom 7.2.2010