Risikofaktor Einsamkeit

Auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie stellten Experten 2013 aktuelle Zahlen zur Einsamkeit bei Männern und Frauen im Alter vor und diskutierten Folgen und Risikofaktoren von Einsamkeit. Von den über 65-Jährigen leben nach Untersuchungen die Hälfte aller Frauen und jeder fünfte Mann allein, wobei Männer und Frauen gleichermaßen von Einsamkeit betroffen sind. Das ist insofern erstaunlich, da Frauen im Alter deutlich mehr Risikofaktoren für Einsamkeit aufweisen als Männer, denn sie sind häufiger verwitwet, leiden eher an körperlichen Gebrechen, die ihre Kontaktmöglichkeiten begrenzen, und auch häufiger an Depression und Angst. Doch verfügen Frauen offenbar über Kompensationsmechanismen, die diese Risikofaktoren ausgleichen. Zentral sind dabei nach Ansicht von Experten die sozialen Netzwerke, denn während Frauen oft enge Freundschaften pflegen und intensiven Kontakt zu Nachbarn haben, stehen Männer meist nur mit ehemaligen Arbeitskollegen in Verbindung, doch diese sind häufig keine engen Vertrauenspersonen. Ob die Senioren allein leben oder nicht, ist den aktuellen Studien zufolge dagegen unerheblich, ausschlaggebend ist vielmehr, dass die Senioren über ein intaktes Netz von Sozialkontakten verfügen und es auch nicht als Belastung erleben, allein zu sein. Wer als Senior also seine sozialen Kontakte pflegt, sich Hobbies sucht, die sich auch im Alter und mit anderen gemeinsam aufrechterhalten lassen, hat gute Chancen, sich auch im Alter nicht einsam zu fühlen.
Ein ausgeprägtes Gefühl von Einsamkeit kann sich allerdings sehr negativ auf die physische und die psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken, was sich in einem höheren Risiko für Bluthochdruck widerspiegelt oder im Gebrauch von Psychopharmaka, der bei jenen Senioren höher ist, die sich sehr einsam fühlen. Offensichtlich spielt das Gefühl der Einsamkeit über die depressiven Symptome hinaus bei der Einnahme von Psychopharmaka – 19 Prozent der älteren Menschen zwischen 57 und 84 Jahren nehmen Psychopharmaka ein – eine Rolle.

Eine Langzeitstudie von Andrew Steptoe et al. (2013) an 6500 Männern und Frauen im Alter von über 52 Jahren zeigte, dass soziale Isolation häufiger in Bevölkerungsschichten mit weniger Bildung und Wohlstand auftritt. Von den 918 Männern und Frauen, die bis 2012 bereits gestorben waren, gehörten 21,9 Prozent zur Gruppe mit dem höchsten Isolationsfaktor, während nur 12,3 Prozent der Todesfälle in der Gruppe mit dem niedrigsten Isolationsfaktor auftraten. Die Studie belegte, dass besonders die Vereinsamung im Alter eine Häufung bei schweren Gesundheitsproblemen wie Herzerkrankungen, chronische Lungenkrankheiten und Arthritis begünstigen kann. Solche Studien zeigen somit auch, dass Einsamkeit das Leben ebenso stark verkürzen kann wie Rauchen oder starkes Übergewicht, denn anhaltende Gefühle der Isolation setzen den Körper unter Stress, der körperliche Erkrankungen und Depressionen auslösen kann, wobei vor allem bei Männern die Gefahr zu erkranken wächst, wenn enge Bindungen fehlen. Als eine der Ursachen vermutet man, dass der Mensch schon von seiner Biologie her auf Gemeinschaft ausgelegt ist, denn Menschen bewerten generell die Zeit, die sie in Gesellschaft anderer verbringen, meist positiver. Dennoch kann man sich trotz guter sozialer Einbettung einsam und unverstanden fühlen, sodass nicht das Faktum sondern das subjektive Empfinden, sozial isoliert zu sein, maßgeblich ist. Chronische Einsamkeitsgefühle aktivieren das sympathische Nervensystem, das normaler Weise in Gefahrensituationen die Fähigkeiten zu Kampf oder Flucht verbessert, d.h., Einsamkeit bereitet den Körper ebenfalls auf eine drohende Situation vor, was aus evolutionsbiologischer Sicht Sinn macht, denn wer allein ist, hat in der Regel den überlebenswichtigen Schutz der Gruppe verloren. Einsamkeit kann man daher auch als sozialen Schmerz interpretieren, denn wenn man von anderen abgewiesen wird, reagieren dieselben Regionen der Großhirnrinde wie bei körperlichen Schmerzen.

Im Übrigen haben die Älteren das Gefühl, die Zeit ihres Lebens vergehe immer schneller. Jeder Mensch setzt eine bestimmte Zeitspanne automatisch in Relation zum bisher gelebten Leben, wobei für eine Vierjährige ein Jahr einem Viertel des bisherigen Lebens entspricht, während es für einen Achtzigjährigen nur einem Achtzigstel bedeutet. Nach neueren Untersuchungen hängt es von der Dichte der Ereignisse ab, wie schnell die Zeit subjektiv verstreicht. Es gibt das paradoxe Phänomen, dass die Zeit gerade dann, wenn man sich langweilt und wenig erlebt, im Nachhinein besonders schnell vergangen ist, etwa im Wartezimmer eines Arzt dauert es sehr lange, bis man endlich drankommt, während man sich am Abend wundert, warum der Tag jetzt schon schnell vergangen ist. Untersuchungen in Altenheimen haben diesen Effekt bestätigt: Im Moment selbst verstrich die Zeit für die Probanden langsam, bis es Mittagessen gab oder der Pfleger kam. Fragte man später aber dieselben Heimbewohner, wie schnell der Tag für sie vergangen sei, antworteten sie: sehr schnell. Mit zunehmendem Alter sind Menschen immer weniger offen für Neues, wie aus der Entwicklungspsychologie bekannt ist, doch je mehr Neues und Emotionales man erlebt, desto mehr prägt sich im Gedächtnis ein und desto stärker entschleunigt sich das Leben auch rückblickend.

Arten der Einsamkeit

Psychologen unterscheiden in der Regel zwei Formen der Einsamkeit: Die emotionale Einsamkeit, wenn ein Vertrauter fehlt, ein Partner, mit dem man sich verbunden fühlt, und die soziale Einsamkeit, wenn es den Betroffenen grundsätzlich an sozialen Beziehungen mangelt, an Unterstützung durch FreundInnen, Nachbarn oder KollegInnen. Übrigens erleben Verwitwete häufiger als Verheiratete eine die Psyche belastende emotionale Einsamkeit, jedoch seltener soziale Einsamkeit.
Die Einsamkeit erfüllt aber auch eine wichtige Funktion für Menschen, denn so wie Hunger ist sie ein Signal, dass man den Kontakt zu anderen verliert. In der Evolution war es für jedes Individuum wichtig zum Überleben, die Verbindung zur Gruppe zu erhalten, denn Isolation konnte letal sein. Erst in der Gruppe konnte man sich zu behaupten und die eigenen Gene weitergeben.
Das Verlangen nach Menschen so ausgeprägt sein, dass sogar die geistige Leistungsfähigkeiten darunter leidet, denn Einsame können sich schlechter konzentrieren und suchen weniger intensiv nach Lösungen eines Problems als Menschen, die nicht so einsam sind.
Die individuelle Empfindlichkeit für Einsamkeit wird in den ersten Lebensjahren geprägt, wie die Bindungstheorie vermuten lässt, nach der die Beziehung zwischen Kleinkind und Mutter oder einer anderen Bezugsperson auch im späteren Leben noch die Vorlage dafür bildet, wie Menschen das für sie wohltuende Maß an Gemeinschaft finden.  Bartholomew & Horowitz  (1991) unterscheiden bei Erwachsenen vier Bindungsstile, die das Erleben von Einsamkeit beeinflussen:

  • Der sichere Typ macht sich selten Gedanken darüber, dass andere ihn nicht akzeptieren könnten, d.h., er entwickelt schnell erfüllende Beziehungen, aber sorgt sich auch nicht, allein zu sein.
  • Dem ängstlichen Typ fällt es schwer, anderen zu vertrauen und sich geborgen zu fühlen, d.h., er fürchtet, verletzt zu werden, wenn er anderen zu nahe kommt, obwohl er sich gerade dies gelegentlich sehnlich wünscht.
  • Der besitzergreifende Typ erhofft sich enge Verbindungen und möchte gleichsam mit anderen verschmelzen, doch er gewinnt oft den Eindruck, dass andere seinen Wunsch nach Nähe zurückweisen.
  • Der abweisende Typ will auf niemanden angewiesen sein und auch nicht, dass andere von ihm abhängig sind. Aus Sorge, seine Selbstständigkeit einzubüßen, fällt es ihm schwer, innige Beziehungen einzugehen.

Der Bindungstheorie zufolge kann man sich daher auch subjektiv isoliert fühlen, obwohl man objektiv betrachtet nicht allein ist.
Depressionen dürften dabei das Bindeglied zwischen chronischen Einsamkeitsgefühlen und körperlichen Erkrankungen sein, wobei diese das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen, jedoch werden nicht alle Menschen, die sich einsam fühlen, depressiv. Einsame Menschen fühlen sich daher eher hilflos, depressive Menschen aber eher hoffnungslos, wobei am Tiefpunkt einer Depression Menschen sogar für ihre nächsten Angehörigen keine Gefühle mehr aufbringen können, denn sie fühlen sich wie versteinert und ziehen sich von anderen Menschen zurück. Anders regieren hingegen Menschen, die sozial isoliert sind und sich mehr Kontakt wünschen.

Literatur
Bartholomew, K., & Horowitz, L. M. (1991). Attachment styles among young adults: A test of a four-category model. Journal of Personality and Social Psychology, 61, 226-244.
Steptoe, A., Shankar, A., Demakakos, P. &  Wardle, J. (2013). Social isolation, loneliness, and all-cause mortality in older men and women. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, , doi:10.1073/pnas.1219686110.
Wittmann, M., Lehnhoff, S. (2005). Age effects in perception of time. Psychological Repeport, 97, 921-935.
Wittmann, M. (2013). Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens. C.H.Beck.

Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/Depression.shtml (11-02-02)