Religion, Selbstkontrolle, religiöse Überzeugungen

Psychologen bestätigen, dass ein religiöser Lebensstil zu mehr Selbstkontrolle führt, da er klare Verhaltensleitlinien vorgibt, denn unter der Prämisse, dass eine göttliche Instanz zuschaut, verfolgten religiöse Menschen ihr eigenes Verhalten genauer und aufmerksamer als nichtreligiöse. Religiöse Rituale wie Gebet oder Meditation beeinflussen bekanntlich jene Gehirnareale positiv, die Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle und Emotionen steuern, was die Menschen dazu bringt, nicht jedem Impuls spontan nachzugehen und daher ruhiger zu leben. Religiöse Menschen haben auch weniger Probleme mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch und werden seltener kriminell (Psychologie heute, 2009).

Religiosität und Gehirn

Ferguson et al. (2016) zeichneten mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie die Gehirnaktivität von gläubigen Mormonen auf. Diese gaben über Knopfdruck jeweils an, wann sie besonders starke Emotionen verspürten, als man ihnen Zitate aus religiösen Schriften und religiöse Videos zeigte. Auch die ungewohnte Umgebung des Gehirnscanners hinderte die Mormonen nicht daran, sich in einen Zustand intensiver religiöser Emotionen zu begeben, denn sie beschrieben sie ein Gefühl des Friedens und der Wärme, ähnlich wie sie ihn während eines Gottesdienstes haben. Bekanntlich ist für gläubige Mormonen das beim Gebet oder Gottesdienst auftretende Gefühl ein wichtiger Teil ihrer Religion und dient bei einigen sogar als Basis für Entscheidungen. Ihrem Glauben nach ist dieser intensive emotionale Zustand ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation mit Gott, und beschreiben dies als intensives Gefühl des Friedens und der Nähe zu Gott und zu anderen Menschen, aber auch als Gefühl körperlicher Wärme. Während ihres religiösen Hochgefühls feuerten vor allem Neuronen im Nucleus accumbens im Belohnungs-Schaltkreis des Gehirns, der intensive Wohlgefühle auslöst, wenn man fundamentale Bedürfnisse oder eine Sucht befriedigt. Man vermutet, dass tiefe religiöse Erfahrungen ähnlich in der Neurobiologie verwurzelt sind wie andere viele fundamentale Bedürfnisse des Menschen. Auch waren bei den Probanden die Zentren für die Aufmerksamkeit sowie der mediale präfrontale Cortex in Phasen starker spiritueller Empfindungen besonders aktiv, also jenes Hirnareal, das unter anderem für Bewertungen, die Einschätzung von Situationen und moralische Überlegungen zuständig ist. Daher hatte die religiöse Verzückung bei den Mormonen durchaus eine rationale Komponente. Der Nucleus accumbens ist somit gleichzeitig Zielstruktur für euphorisierende Drogen und für spirituelle Empfindungen.
Damit wurde also die Aussage von Karl Marx bestätigt, dass Religion Opium fürs Volk sei 😉

Gläubige projizieren eigene Gedankenwelt auf Gott

Nicholas Epley et al. (University of Chicago) befragten christlichen ProbandInnen zu Themen wie Todesstrafe, Abtreibung oder gleichgeschlechtlichen Ehen. Mit Gehirnscans zeigten die Forscher, dass bei der Einschätzung der Meinung anderer Menschen andere Hirnareale aktiv werden, als bei der Bewertung der eigenen oder der göttlichen Meinung. Die Aktivitätsmuster wichen besonders deutlich ab, wenn die Anderen von den ProbandInnen als „ungläubig“ eingestuft wurden. Gläubige Menschen übertragen demnach unbewusst ihre eigenen moralischen und ethischen Vorstellungen in den Wertecodex, den sie als von Gott gegeben betrachten und nehmen so ihre eigene Überzeugung als gottesnah wahr. Das Selbst spielt also bei der Entstehung des Glaubens eine bedeutende Rolle. Der Glaube an die „selbstgemachte“ göttliche Meinung dient vermutlich auch als Verstärker, um die eigene Gedankenwelt zu bestätigen und zu rechtfertigen (vgl. Epley et al., 2009).

Christen sind nicht toleranter als Andersgläubige

Untersuchungen Deutschland widerlegen die Annahme, dass gläubige Menschen gegenüber Mitmenschen offen, tolerant und mitfühlend sind, wie es etwa in den Geboten der christlichen Glaubensgemeinschaften gefordert wird. Wenn es um Rassismus, Sexismus und Homophobie geht, schneiden religiöse Menschen eher schlecht ab, da Protestanten und Katholiken schneller zu Vorurteilen greifen als glaubensferne Menschen, was vermutlich sein Ursache im traditionellen Absolutheitsanspruch des Christentums hat, dass die eigene Religion anderen Religionen überlegen ist. Viele Christen haben eine äusserst positive Meinung von sich selbst und fühlen sich in ihren Bewertungen auch sehr sicher. Über ein Fünftel der deutschen Protestanten stimmten etwa der Aussage zu, Weiße seien zu recht führend in der Welt, während bei den Glaubensfernen nur 12 Prozent dieser Ansicht waren, über 60 Prozent der Gläubigen stimmten der These zu, in Deutschland lebten zu viele Ausländer, und fast die Hälfte der Befragten gab an, Ausländer sollten nach Hause geschickt werden, wenn die Arbeitsplätze knapp werden (Küpper & Zick, 2010).

Literatur

http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1015719
Epley N. et al. (2009). Creating God in one’s own image. Proceedings of the National Academy of Sciences, 10.1073/pnas.0908374106.
Michael A. Ferguson, Jared A. Nielsen, Jace B. King, Li Dai, Danielle M. Giangrasso, Rachel Holman, Julie R. Korenberg, & Jeffrey S. Anderson (2016). Reward, salience, and attentional networks are activated by religious experience in devout Mormons. Social Neuroscience, doi: 10.1080/17470919.2016.1257437.
Küpper, B. & Zick, A. (2010). Religion and Prejudice in Europe. New empirical findings. Dossier for the Network of European Foundations – Initiative for Religion and Democracy in Europe. London: Alliance Publishing Trust.
Psychologie heute 2009.