Qualitätskriterien pädagogisch-psychologischer Forschung

Nach Detlef H. Rost sind eine gute Theorie, eine relevante Fragstellung, ein adäquater Untersuchungsplan, eine angemessene und für den gutwilligen Leser durchsichtige Auswertung, eine stimmige Darstellung und Interpretation der Befunde – und das alles in einer einfachen, klaren und stimulierenden Sprache dargestellt, die wichtigsten Qualitätskriterien fu?r eine gute pädagogisch-psychologische Untersuchung. Das gilt übrigens für alle empirischen Studien, denn eine klare, verständliche und stimulierende Darstellung sind in jedem Fach wichtig, ob nun empirisch oder nicht. Wenn manche glauben, Wissenschaft muss sich kompliziert ausdrücken, dann irren sie sich gewaltig, vielmerh ist das Gegenteil der Fall, denn wer nicht klar schreiben kann, der hat vielleicht auch nicht klar gedacht.

Detlef H. Rost gibt in seinem Buch „Interpretation und Bewertung pädagogisch-psychologischer Studien: Eine Einführung“ eine Anleitung, wie man empirische Originalarbeiten sorgfältig liest und nicht nur Sekundärliteratur, also Artikel, in denen die interessierenden Studien lediglich kurz zusammengefasst werden. Schließlich darf man nicht alles glauben, was schwarz auf weiß steht., denn Papier ist geduldig, auch das von Fachzeitschriften und wissenschaftlichen Büchern. Mitdenken und eine kritische Lesehaltung sind daher bei der Lektüre von Forschungsarbeiten angebracht. Rost gibt eine verständliche Anleitung, worauf man beim Studieren von Fachtexten achten soll und gibt jede Menge Tipps und Leitlinien zur methodenkritischen Lektüre empirischer Untersuchungen. Mehr als 160 Fragen und über 100 Beispiele – überwiegend aus dem pädagogisch-psychologischen Bereich – decken Problemzonen quantitativer Arbeiten auf. Studierenden der Erziehungswissenschaft, Psychologie, Sonderpädagogik oder Soziologie bietet dieses Buch außergewöhnlich verständliche Interpretationshilfen, wobei fassbares Wissen nicht nur klar, sondern auch unterhaltsam vermittelt wird. Man lernt daher, empirische Studien besser zu lesen, zu verstehen und zu bewerten, aber auch eigene empirische Arbeiten auf potenzielle Schwachstellen hin zu untersuchen.

Auch in der klassischen psychologischen Forschung findet man immer wieder „Fehler“ sowohl in der Darstellung als auch in der Interpretation, wie etwa zu den Experimenten von Watson & Rayner, in denen der Nachweis geführt werden sollte, dass emotionale Reaktionen konditionierbar sind (vgl. Watson & Rayner, 1920). Seitdem gibt es kaum ein Lehrbuch der Allgemeinen Psychologie, der Entwicklungs- und der Klinischen Psychologie, in dem nicht wenigstens eine kurze Darstellung dieser Experimente zu finden ist. Dabei ist der „Kleine Albert“ als paradigmatisches Musterbeispiel kaum zu gebrauchen, denn es werden in diesem Experiment die elementarsten methodologischen Grundforderungen des Behaviorismus verletzt (Quantifizierung und systematische Kontrolle der Variablen). Bei genauerem Hinsehen ist es sogar fraglich, ob es überhaupt zu einer Konditionierung emotionaler Reaktionen gekommen ist, weshalb die Abschlussuntersuchungen in allen späteren Darstellungen der Experimente, auch durch Watson selber, verschwiegen werden.

Literatur
Watson, John B. & Rayner, Rosalie (1920). Conditioned emotional reaction. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.
http://testexperiment.stangl-taller.at/experimentbspwatson.html (02-11-06)