Kunst des Verdrängens

Sigmund Freud vertrat die Ansicht, dass alles ans Tageslicht muss, um nicht seelisch an dem Verdrängten krank zu werden: „Wo Es war, soll Ich werden. Man weiß, dass der stärkste Motor des Verdrängens die Suche oder gar die Sucht nach Harmonie im inneren Leben ist, es soll also dort Ordnung herrschen, indem Meinungen, Einstellungen, Einflüsse und Außenwirkung zusammenpassen.

Es gibt sehr wohl Erlebnisse, bei denen die Aufarbeitung unbedingt wichtig ist, wobei besonders ernste Fälle allerdings immer von der Person abhängig ist, ob man die Verdrängung bewusst machen soll oder nicht. Nach George Bonanno weiß man, dass Aufarbeiten kein Allheilmittel ist, denn es kann eine Art Verliebtheit in die Trauer entstehen, was für die Seele nicht gut ist. Es gibt also im Leben viele Situationen, in denen Menschen sich das Leben unnötig schwer machen und bei denen ein wenig „Wegschieben“ ratsam sein könnte.

Schützenhöfer, der das Buch „Die Kunst des Verdrängens“ geschrieben hat, nennt die Eifersucht und teilt die Menschen in „Verdränger“ und „Sensibilisierer“ ein. Letztere lebten etwa permanent in Angst vor einem Seitensprung des Partners, kontrollieren diesen ständig, während die Verdränger die Gabe entwickelt haben, diese Ängste wegzuschieben; „Was nicht heißt, dass eine Affäre des Partners dann nicht genauso dramatisch empfunden würde. Nur die Zeit davor ist einfach schöner. Man wartet nicht ständig darauf, dass etwas passiert.“

Die Kunst des Verdrängens kann auch darin bestehen, das „Sorgen-Lager“ auszumisten und jene Dinge beiseitezuschieben, die ohnedies weitgehend außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. So schafft man Platz für neue Eindrücke, denen man sich bisher nicht stellen wollte und kann so die Persönlichkeit entwickeln.

Unter Verwendung der Besprechung von Doris Kraus in „Die Presse“ vom  08.11.2009