Heidi Kastner: Tatort Trennung – Ein Psychogramm

Heidi Kastner, Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Linz und erfahrene Gerichtsgutachterin, hat ein Buch über den „Tatort Trennung“ geschrieben und nennt es im Untertitel „Ein Psychogramm“. Darin beschreibt sie, wieso bei manchen Menschen nach einer Trennung die Lust an der Rache zum einzigen Lebensinhalt wird. Heidi Kastner war beruflich seit Jahren für die Analyse von nahezu alle aufsehenerregenden Verbrechen Österreichs verantwortlich, und beschäftigte sich ausführlich mit der Liebe, den damit verbundenen zu hohen Erwartungen und schließlich dem Mord an ehemals geliebten Menschen, denn eine Trennung ist oft Brennglas für alle Probleme in einer Beziehung. Da Trennungen asymmetrisch ablaufen, reagiert ein Partner mit Entsetzen, Überraschung, Kränkung und ist überfordert. Für viele entsteht das Bedürfnis, die eigene Kränkung in Rache umzuwandeln, was dann auch lebensbestimmend werden kann, den man will es nicht hinnehmen, dass das Leben nicht immer gerecht ist, dass einem auch als guten Menschen Schlechtes widerfahren kann.

Die Macht der Frauen liegt dann oft bei den Kindern, wobei aus Rache dann viele Missbrauchsvorwürfe gegen Väter erfunden werden, denn das ist ein sehr probates Mittel, den Anderen sozial zu eliminieren. Wenn dann die Realität der Trennung komplett verweigert wird und die Person in dieser Phase selbst zusehends ins Hintertreffen gerät, etwa wenn die finanzielle Lage sehr angespannt ist, wenn das Haus oder der Job verloren wird und weitere biografische Belastungsfaktoren auftreten, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man das, was in seinem eigenen Leben schiefgeht, dem anderen schuldhaft zuschreibt. Dann fühlt man sich berechtigt, dem Partner das heimzuzahlen, der das Leben vermeintlich ruiniert hat, denn man wird sowieso aus dieser bösen, bösen Welt scheiden und da bringt man vorher aber noch den um, der einem das Ganze angetan hat. Männer ermorden dann häufig ihre Frauen, um sie ein letztes Mal an sich zu binden, und Frauen töten eher, um vom Mann wegzukommen.

Zusammengefasst nach eine Interview im Focus vom 17. Dezember 2016.