Archiv der Kategorie: Wissenschaftstheorie

Verstehen und Erklären in der Psychologie

Die Gegenüberstellung von Verstehen und Erklären geht u. a. auf Wilhelm Dilthey zurück, der den Geisteswissenschaften einen von den Naturwissenschaften unabhängigen wissenschaftlichen Status zuschrieb, wobei er mit dem Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit des menschlichen(Geisteslebens die Notwendigkeit einer spezifischen Methode begründete. Während die naturwissenschaftliche Arbeitsweise von der Existenz objektiver Gesetzmäßigkeiten und Regeln ausgeht und nach einer Erklärung gesetzmäßiger Zusammenhänge von Ursache und Wirkung strebt, untersucht die verstehende Vorgangsweise Sinnzusammenhänge, d.h. die Beweggründe und Bedeutungen menschlichen Handelns.

Die Sozialwissenschaften streben danach, beobachtbare Zusammenhänge nicht nur zu beschreiben, sondern auch in Hinblick auf mögliche Ursachen und Wirkungen zu analysieren und zu erklären, wobei der Anspruch des Erklärens auf der Prämisse von sozialer Wirklichkeit als einem System von Gesetzmäßigkeiten beruht, die als Ursache-Wirkungszusammenhänge beschreibbar sind und weitgehend unabhängig von subjektiven Sinnzusammenhängen existieren. Voraussetzung ist eine Feststellung der unabhängigen und der abhängigen Variablen, wobei in der Forschung durch gezielte Manipulation der unabhängigen Variablen, wie dies etwa im Experiment der Fall ist, die veränderte Wirkung auf die abhängige Variable gemessen werden kann. Der Wert einer solchen Kausalerklärungen liegt in ihrer Voraussagekraft und verlangt den Einsatz quantitativer Methoden. Neben kausalen Erklärungen gibt es in den Sozialwissenschaften aber auch teleologische Erklärungen, also ein Verhalten durch das angestrebte Ziel bzw. seinen Zweck zu erklären, doch gilt diese Form der Erklärung als logisch nicht eindeutig begründbar.

Verstehen meint hingegen jene Erkenntnisform, die auf die Erfassung von Sinn, von Bedeutung eben im Gegensatz zur Erklärung durch Gründe und Ursachen abzielt. Unter Sinn versteht man als Gegensatz zu Zweck die Inhalte des theoretischen und praktischen Handelns oder Verhaltens, wobei im Unterschied zum Erklären im Verstehen nicht der Inhalt primär aus anderem wie Ursachen oder Bedingungen entstanden oder herleitbar begriffen wird, sondern in gewisser Weise aus sich selbst. Dadurch entsteht der hermeneutische Prozess bzw. Zirkel, der das Paradox enthält, dass das, was verstanden werden soll, schon vorher irgendwie verstanden worden sein muss.

Allerdings ist die Hermeneutik im Zusammenhang mit empirischen Methoden für die Hypothesenbildung bedeutsam, denn ein Problem muss erst gesehen, erkannt und verstanden werden, der Sinn und die Bedeutung einer Situation muss erfaßt werden. Vor allem in der Pädagogik oder auch der Psychologie ist etwas immer nur im Hinblick auf bestimmte Normen, Werte und Zielvorstellungen problematisch, diese sind aber letztlich nur hermeneutisch zugänglich. Auch muss für die Forschung immer ein bestimmtes Erkenntnis- und Veränderungsinteresse vorhanden sein, sodass bei der empirischen Überprüfung von Sachverhalten die Hermeneutik eine wesentliche Rolle bei der Operationalisierung spielt, indem qualitative Aussagen quantitfizierbar gemacht werden, aber auch die Interpretation von empirischen Resultaten ist im wesentlichen ein hermeneutischer Vorgang.