Warum das Human-Brain-Projekt scheitern muss

Zwar gibt es beim menschlichen Gehirn durchaus Parallelen zum Computer, denn auch das Gehirn arbeitet über kleine Stromimpulse, ähnlich wie in den Schaltkreisen auf einem Computerchip. Der entscheidenden Unterschied ist allerdings die Flexibilität, denn das Gehirn verändert ständig seine Hardware, während ein Computer eine starre Hardware besitzt, deren Chips und Schaltkreise sich nicht verändern, d.h., elektronische Schaltkreise sind nicht in der Lage, neue zu entwickeln und andere auszuschalten bzw. abzuschwächen. So sind die Versuche, im geplanten Human-Brain-Projekt die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen, indem man es im Computer nachbaut, völlig aussichtslos ist, nicht allein wegen der derzeit noch fehlenden Rechnerkapazitäten, sondern grundsätzlicher Art. Das normale Funktionieren des Gehirns ist dadurch ausgezeichnet, dass ständig neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen hergestellt werden, es stets in einem Wandel ist und sich den Anforderungen anpasst. Daher gehen die zu Beginn des 21. Jahrhunderts gestarteten Versuche, die Struktur des Gehirns zu analysieren, indem man die Hauptverbindungen zwischen den Hirnteilen kartiert und analysiert, an der Realität des Gehirns vorbei, denn dieser strukturelle Ansatz wurde schon vor mehr als einem halben Jahrhundert in der Psychologie versucht.

Gehirn Kartierung
Gehirnforschung Kartierung

Schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden erste Karten des Gehirns erstellt, die den Regionen bestimmte Aufgaben zuordnen, etwa das Broca-Areal und das Wernicke-Zentrum, die für die Erzeugung und das Verständnis von Sprache zuständig sind. Diese grobe räumliche Aufteilung ist den modernen Neurowissenschaftlern nicht mehr genug, sondern sie wollen das menschliche Gehirn auf mikroskopischer Ebene zu durchleuchten. Sie wollen verstehen, wo die Hauptbahnen im Gehirn verlaufen, wie sie sich verzweigen, in welche Zellschichten sie gehen und wo die wichtigsten Verbindungen sind. Die Verbindungen der einzelnen Nervenzellen zu kennen, wäre natürlich einerseits für die Grundlagenforschung interessant, denn damit könnten höhere kognitive Leistungen, wie die Entstehung von Sprache, oder die Verarbeitung von visuellen Informationen besser verstanden werden, aber auch für die Diagnose und Behandlung neurologischer Erkrankungen oder der Folge von Schlaganfällen wäre es wichtig, die Verknüpfungen der betroffenen Neuronen möglichst zu kartieren. Zahlreiche psychische Erkrankungen haben eine neurobiologische Basis, denn so sind etwa bei der Schizophrenie verschiedene Aspekte der Konnektivität gestört, angefangen von den Neurotransmittern bis hin zu den Synapsen. Allerdings machen die verschiedenen Größenskalen, die man für ein vollständiges Konnektom, also der Gesamtheit aller Nervenverbindungen eines Gehirns, erfassen müsste, die Aufgabe äußerst schwierig, denn an jeder Synapse befinden sich zahlreiche Rezeptoren, die verschiedene Signalmoleküle binden. Wie viele davon vorhanden sind und auf welche Neurotransmitter sie reagieren, kann sich dabei stark unterscheiden, d. h., um die Weiterleitung eines Reizes von einer Nervenzelle zur nächsten exakt zu beschreiben, müsste man die genaue Zahl und Art aller Rezeptoren kennen. Davon ist die Neurophysiologie noch weit entfernt. Hinzu kommt: Beinahe alle Erkenntnisse der neueren Gehirnforschung bringen keine wirklich neuen Erkenntnisse, die über das hinausgehen, was schon die Gestaltpsychologie, die frühe experimentelle Wahrnehmungspsychologie oder die Ganzheitspsychologie bzw. Feldpsychologie entdeckt haben (s.u.). Die neueren Forschungen liefern höchstens zusätzliche Erklärungen für das Substrat, nicht aber für den Prozess, denn  der ist in den Anfängen der Psychologie hinreichend abgeklärt worden, nur macht sich heute offensichtlich niemand die Mühe, diese Erkenntnisse in der einschlägigen Forschungsliteratur eta in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachzulesen. Es wäre aber sicher reizvoll, die klassischen Gestaltgesetze mit den Forschungen der Neuropsychologie oder Neurobiologie abzugleichen.

Anmerkung: Das Phänomen der Ganzheit und die aus ihm abgeleitete naturphilosophische Problematik besitzt eine bis in die antike Wissenschaft zurückreichende Denk- und Forschungstradition. Am Beginn des 19. Jahrhunderts wird von Burdach und Goethe eine eigene biologische Ganzheitslehre (Morphologie) begründet, deren Aufgabe die  Untersuchung der organischen Formgebung und des Gestaltwechsels der Organismen ist. Ende des 19. Jahrhunderts entstand in der Wahrnehmungspsychologie eine ganzheitlich orientierte Gestalttheorie, die die Ganzheitseigenschaften der menschlichen Wahrnehmung zum Gegenstand hatte. Sowohl in der Biologie wie in der psychologischen Theorienbildung wurde die Systemeigenschaft ‚Ganzheit‘ zunächst in ihrer spezifisch phänomenologischen Erscheinungsform ‚Gestalt‘ untersucht, wenn auch auf verschiedenen Forschungsebenen: der Morphologe beschreibt die empirisch-organischen Gestalten (‚Formen‘) in der lebenden Natur, der Gestalttheoretiker jedoch die Funktionseigenschaften der Wahrnehmungsorgane der Naturbeobachtungen dieser Formen, wobei eine gemeinsame methodologische Klammer beider Wissenschaften bildet deshalb das Problem von Teil und Ganzem.