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Die frühe Gehirnentwicklung

Bereits in der dritten Schwangerschaftswoche beginnt das kindliche Gehirn und das Nervensystem sich zu entwickeln, bis zum Ende des zweiten Monats, also zu einem Zeitpunkt, an dem eine Frau oft erst von ihrer Schwangerschaft erfährt, sind Gehirn und Rückenmark bereits fast vollständig angelegt, auch wenn die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. In den frühen Stadien der Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems werden sehr viele Zellen gebildet, wobei auch Neuronen, die nicht in der Lage sind, eine bestimmte Anzahl an Verschaltungen auszubilden, in der Folge auch wieder absterben, d. h., es gibt schon in dieser Phase der Gehirnentwicklung Aufbau- und Abbauprozesse, wobei auch die Abbauprozesse wichtig sind, damit im Gehirn effiziente neuronale Netzwerke ausgebildet werden können. Durch die in dieser Zeit entstehenden neuronalen Netze kann ein Embryo bereits im Mutterleib Informationen aufnehmen und verarbeiten, etwa die Stimmen der Mutter oder anderer Menschen, denn man hat nachgewiesen, dass ein Kind schon in diesen frühen Phasen den Sprachrhythmus der Muttersprache verinnerlicht und später Menschen wiedererkennt. Viele Spuren im Gehirn entstehen erst dann, wenn der Säugling ein hohes Maß an Zuwendung und Zuneigung erhält, wenn ihm seine Eltern die Welt der Gefühle, Gerüche, Töne, Dinge und Bewegungen eröffnen, wodurch neuronale Schaltkreise entstehen, die Gedanken, Muster, Bilder und Fakten widerspiegeln. Die gerade im Aufbau befindlichen neuronalen Strukturen sind aber äußerst empfindlich gegenüber Einflüssen von außen, wobei vor allem Alkohol, Medikamente oder Nikotin zu Schädigungen führen können.

Bei Neugeborenes weist das Gehirn bereits deutlich mehr als hundert Milliarden Neuronen auf, wobei es nach wie vor vorwiegend mit Reflexen reagiert, denn die Verbindungen zwischen den angelegten Clustern von Neuronen müssen sich erst entwickeln, wobei der Zeitpunkt der Bildung von Synapsen von Gehirnregion zu Gehirnregion unterschiedlich ist. Bei Babys vermehrt sich die Zahl der Synapsen während mancher Zeiträume geradezu explosionsartig, wobei die ersten drei Lebensmonate vor allem der Entwicklung der Sinne gewidmet sind. Das menschliche Gehirn wächst dabei unmittelbar nach der Geburt am schnellsten und erreicht innerhalb von drei Monaten die Hälfte der Größe im Erwachsenenalter, wobei das männliche Gehirn in diesem Alter schneller wächst als das weibliche. Die Gehirne von Neugeborenen wachsen dabei pro Tag im Durchschnitt um ein Prozent, wobei sich am Ende der neunzig Tage dieser Wert auf 0,4 Prozent am Tag verlangsamt. Allein das Großhirn besteht aus einem Netzwerk von über zwanzig Milliarden Neuronen, von denen jede einzelne mit jeweils bis zu zehntausend anderen Neuronen verbunden sein kann. Das rascheste Wachstum zeigt das Cerebellum, jener Bereich des Gehirns, der mit der Kontrolle von Bewegungen in Zusammenhang steht, d. h., die Größe dieses Bereiches verdoppelt sich innerhalb dieser Zeitspanne. Am langsamsten entwickelt sich der Hippocampus, jener Bereich, der für Erinnerungen steht, wobei dies einen Hinweis auf die relative Bedeutung dieser Areale für Kleinkinder darstellen dürfte (Stangl, 2017). In den ersten Lebensmonaten nimmt aber nicht nur die Größe des kindlichen Gehirns zu, sondern die Nervenfasern werden auch gebündelt und ummantelt, sodass Informationen im Gehirn schneller weitergeleitet werden können.

Im Alter von etwa zwei Jahren wird eine solche Dichte der Nervenfasern erreicht, dass das Kleinkind in der Lage ist, auch komplexere Bewegungsvorgänge zu bewältigen, wobei die Vernetzung zwischen den Nervenzellen mit drei Jahren ihren Höhepunkt erreicht, da jede Nervenzelle mit Tausenden anderen verbunden ist. Ein Kind hat in diesem Alter etwa doppelt so viele Verbindungen wie Erwachsene, wobei die Art und Anzahl der sich formenden und bestehen bleibenden Synapsen stark mit der jeweiligen Umwelt und den in dieser erlernten Fähigkeiten zusammenhängt, d. h., Kinder sind einerseits zwar extrem anpassungs- und lernfähig, benötigen andererseits aber auch einen entsprechenden Input (rich learning environment). Es wurde in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen, dass sich ein Kind in einer anregungsreichen Umgebung besser entwickelt als in einer Umgebung, die arm ist an Anreizen.

Ein sechs Monate altes Baby, kann Erlebtes etwa nur 24 Stunden lang abrufen, ein neunmonatiges besitzt schon ein Erinnerungsvermögen von einem Monat, d. h., die Erinnerungszeiträume entwickeln sich in kleinen Schritten und es setzt das Langzeitgedächtnis ein. Erst ab dem Alter von etwa drei Jahren werden sehr einprägende Erlebnisse abgespeichert, was daran liegt, dass in diesem Alter die Sprachentwicklung voll eingesetzt hat, die eine Vorausssetzung für Erinnerungen bildet. Allerdings werden unbewusste Vorgänge wie starke Emotionen oder gravierende Erfahrungen allerdings auch vor dieser Zeit nachhaltig gespeichert.

Siehe dazu auch „Das menschliche Gehirn“ (Stangl, 2015).

Quellen

Blaß, S. (2017). So entwickeln sich Gehirn und Nervensystem bei Kindern.
WWW: http://www.t-online.de/leben/familie/schwangerschaft/id_82665908/so-entwickeln-sich-gehirn-und-nervensystem.html (17-11-12)
Rigos, Alexandra (2008). Evolution des Gehirns. GEOkompakt Nr. 15 – 06/08. WWW: http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geokompakt/57363.html (08-06-21)
Stangl, W. (2017). Das menschliche Gehirn – Überblick. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/ (2015-11-14).