Symmetrie zwischen Distanz und Empathie in helfenden Berufen

Bei Humandienstleistern nehmen psychische Belastungen und Erkrankungen zu, wobei eine unspezifische bzw. unangemessene Distanzierungsfähigkeit der Betroffenen manchmal die Hauptursache ist. Vor allem bei personenverändernden Arbeitstätigkeiten (z.B. Pflegepersonal, Ärzte, LehrerInnen) geht es um ein Balanceerfordernis im Emotionsmanagement, denn einerseits muss beim Erleben der Schwierigkeiten der PatientInnen, SchülerInnen bzw. KlientInnen von ihnen Abstand gewahrt werden, um sich nicht selbst zu verbrennen bzw. um überlegt handeln zu können, doch anderseits darf dieser Abstand nicht zu Desinteresse, mangelndem Mitgefühl, fehlender menschlicher Zuwendung oder gar zu Zynismus wachsen. Ein ausgewogenes Emotionsmanagement kann gelernt und trainiert werden, etwa durch die Analyse erlebter Stressoren und der Stressbewältigung, durch ein systematische Problemlösen, ein Training sozialer Kompetenzen, einer Verbesserung der Zeitorganisation, durch das setzen individueller Ziele und nicht zuletzt durch Entspannungstechniken. Die Herausforderung solcher Berufe liegt meist in der Bewältigung an und für sich unauflöslicher Widersprüche, denn einerseits handelt sich um einen „Leistungsprozess gegen Entgelt“, der andererseits gleichzeitigvon den Betroffenen und der Umwelt „im Sinn solidarischer Hilfe“ interpretiert wird. Letzteres kann wiederum der Sinnhaftigkeit der Aufgabe und damit der Arbeitszufriedenheit zugutekommen.

Empathie behindert manchmal das Verstehen von anderen

Erfolgreiche soziale Interaktion setzt bekanntlich auch voraus, sowohl die Gedanken und Absichten des anderen zu verstehen als auch an den Gefühlen des anderen teilhaben zu können. Ebenfalls wichtig ist neben Empathie auch die kognitive Perspektivenübernahme, also die Fähigkeit, zu verstehen, was andere Menschen wissen, planen und wollen. In Untersuchungen (Kanske et al., 2016) zeigte sich, dass Menschen mit einem hohen Maß an Empathie nicht notwendigerweise diejenigen sind, die ihr Gegenüber kognitiv gut verstehen, denn zu großes Einfühlen behindert oft das inhaltliches Verstehen.

Literatur

Kanske, P., Böckler, A., Trautwein, F.-M., Lesemann, F.H.P. & Singer, T. (2016). Are strong empathizers better mentalizers? Evidence for independence and interaction between the routes of social cognition. Social Cognitive and Affective Neuroscience, doi: 10.1093/scan/nsw052.