Lesenlernen reduziert Gehirnareale zur Gesichtserkennung

Da die Menschen die Schrift erst relativ spät in ihrer Geschichte erfunden haben, ist es sehr unwahrscheinlich, dass das menschliche Gehirn über evolutionäre Prozesse spezielle Areale für das Lesen ausgebildet hat. Beim Lesenlernens werden Hirnbereiche, die für das Erkennen von komplexen Objekten wie Gesichtern zuständig sind, in Anspruch genommen, um Buchstaben in Sprache zu übertragen, wodurch sich einige Gebiete des visuellen Systems zu Schnittstellen zwischen dem Seh- und Sprachsystem entwickelt haben. Dabei beschränken sich die Veränderungen nicht nur auf die Großhirnrinde, sondern es kommt auch zu Umstrukturierungen im Thalamus und den Hirnstamm, wobei diese der Sehrinde helfen, wichtige Informationen aus der Flut visueller Reize zu filtern.

Entwicklung der Schrift: Steinzeitlichen Höhlenmalereien waren zwar nicht an den sprachlichen Ausdruck gebunden, hielten aber ähnlich wie geschriebene Wörter Informationen fest, die sowohl dem, der sie schuf, als auch anderen Menschen etwas sagten. Die frühen Bilderschriften vermittelten Botschaften, indem sie in stilisierter Form unter anderem Tiere, Pflanzen, Behausungen und Tätigkeiten zeigten. Zu diesen Bilderschriften gehört die der Sumerer, die bereits für das vierte vorchristliche Jahrtausend belegt ist. Der Nachteil solcher Schriften besteht darin, dass die Vielzahl möglicher Botschaften nur mit einer entsprechend großen Zahl von Bildern vermittelt werden kann. Deshalb bedeutete es einen Fortschritt, dass sich aus den stilisierten Zeichen für Wörter im Laufe der Zeit Silben- und Lautzeichen, die Vorläufer der heutigen Buchstaben, entwickelten. So entstand etwa in Mesopotamien aus der Bilder- die Keilschrift, und die Ägypter entwickelten abgekürzte Formen der Hieroglyphenschrift. Die griechische Schrift ist nach Ansicht vieler Experten über Zwischenschritte aus ägyptischen Schriften entstanden.

Bei einem Vergleich von Lesefähigen, Analphabeten und Personen, die entweder als Kinder oder erst als Erwachsene das Lesen gelernt hatten, zeigte sich, dass alle Lesefähigen horizontale, zeilenförmige orientierte visuelle Stimuli besser verarbeiten konnten als die völligen Analphabeten.

Menschen, die früh Lesen gelernt haben, besitzen auch eine kleinere Region des linken occipitaltemporalen Cortex und reagieren auf Bilder von Gesichtern anders als Analphabeten. Die Fähigkeit des Lesens, steht also wie jede Form von erworbenen Fähigkeiten, auch in Konkurrenz zu anderen Leistungen des visuellen Cortex. Bei den Lesekompetenten hatte sich auch eine Gehirnregion entwickelt, die auf die Verarbeitung von Wörtern spezialisiert ist, wobei bei diesen auch ein Areal verkleinert war, die für die visuelle Verarbeitung von Gesichtern zuständig ist. Offensichtlich hat hier auf Kosten des Lesens ein neuronaler Schrumpfprozess stattgefunden, wobei noch unklar ist, ob dieser tatsächlich praktische Auswirkungen für das Erkennen anderer Menschen im Alltag hat.

Funktionaler Analphabetismus hat nach neueren Untersuchungen nicht nur soziale, sondern auch neurobiologische Ursachen. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie und Elektroenzephalografie  untersuchte man, welche neuronalen Netzwerke des Gehirns am Leseprozess beteiligt sind. Man fand, dass die Nervenzellen, die für die auditive Wahrnehmung zuständig sind, bei funktionalen Analphabeten schlechter ausgebildet sind als bei Erwachsenen mit normalen Lesefähigkeiten. Funktionale Analphabeten können akustische Reize, die oft nur Millisekunden dauern, nicht unterscheiden, sodass ähnlich klingende Laute wie „ba“, „pa“, „ta“ und „da“ für funktionale Analphabeten kaum zu erkennen sind. Die Fähigkeit, solche Laute zu unterscheiden ist aber eine Grundvoraussetzung für eine gut ausgebildete Lese- und Schreibkompetenz.

Quellen

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/GehirnLernen.shtml (12-11-21)
http://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-wie-lesen-das-hirn-praegt-_arid,1608942.html (17-06-07)