Geruch und Emotion

Mit jedem Atemzug gelangen Duftstoffe in unsere Nase, wo etwa 20 Millionen Riechrezeptoren darauf warten, diese Sinneseindrücke ans Gehirn weiterzuleiten. Duftstoffe regen vor allem die Amygdala, den Ursprungsort der Emotionen im Gehirn, an.  Der Geruch eines alten Buches oder das Aroma eines in Tee getauchten Gebäcks erzeugen Erinnerungen an frühere Erlebnisse. Gravierende Folgen für Menschen hat der Verlust des Geruchssinns, die „Anosmie„, denn solche Menschen neigen zu Depressionen und begehen häufiger Selbstmord. Auch sehr alte Menschen verlieren fast oft ihre Riechfähigkeit, sodass es wahrscheinlich ist, dass ein Teil der Demenzsymptome nicht nur auf Hirnveränderungen zurückzuführen ist, sondern auf mangelhafte Riechfähigkeit. Auch jeder Mensch besitzt eine individuelle Duftnote, hervorgerufen durch einen einzigartigen genetischen Fingerabdruck. So hat eine Mutter schon eine halbe Stunde nach der Geburt den Geruch ihres Kindes sicher abgespeichert, selbst wenn es per Kaiserschnitt entbunden wurde, kann die Mutter die Kleidung ihres Kindes danach sicher von anderer Kleidung unterscheiden.

Sylvain Delplanque (Universität Genf) ließ 18 ProbandInnen jeweils Paare blumiger, fruchtiger oder tierischer Gerüche riechen, von denen diese einige schon zuvor wahrgenommen hatten. Mit Hilfe von Polymetrie verfolgte man, in welcher Reihenfolge sich dabei die Gesichtsmuskeln der TeilnehmerInnen verzogen, deren Herzschlag beschleunigte und die Schweißdrüsen in Aktion traten. Am schnellsten war die Reaktion auf neue Gerüche, während die Reaktionen auf die Qualität des jeweiligen Geruchs mit deutlicher Verzögerung erfolgte. Daran wird sichtbar, auf welche Weise Sinneseindrücke und insbesondere Gerüche bei Menschen spontan starke Gefühle hervorrufen können, die dann unbewusst mit Erinnerungen verknüpft werden.

Geruch und Gedächtnis

Gerüche haften deshalb so gut im Gedächtnis, weil es in der Natur keinen zweiten Sinn gibt, der diese sehr Emotionen bindet, wobei der physiologische Grund in der Nähe des Riechzentrum zur Amygdala darstellt.  Der Geruchssinn ist eine der stärksten Sinne im Leben aller höheren Organismen und er existiert schon seit Milliarden Jahren, wobei sogar Bakterien einen Sinn für Aromen besitzen. Neue Forschungen zeigten, dass der Geruchssinn sogar über Träume entscheiden kann, indem Rosendüfte in der Nacht für süße Träume sorgen und abstoßende negative Träume entstehen lassen. Gerüche beeinflussen auch alltägliche Tätigkeiten wie das Lernen, wobei Lavendel oder Rosmarin die Erinnerung an Lerninhalte fördert, und im Sport sorgen Aromen wie Pfefferminze für mehr Kraft und Ausdauer. Nach neuesten Untersuchungen fördert übrigens Rosmarin die Gedächtnisleistung, denn man ließ in einem Experiment zwei Gruppen von Studienteilnehmern in verschiedenen Räumen warten, wobei ein Raum dabei mit Rosmarinöl parfümiert wurde. Bei anschließenden Gedächtnistests schnitt die Gruppe im Rosmarin-Raum besser ab als die Vergleichsgruppe, wobei die Probanden der Rosmarin-Gruppe eine höhere Konzentration von 1,8-Cineol im Blut aufweisen, ein Stoff, der in Rosmarin-Öl vorkommt, und nach früheren Studien die Gedächtnisleistung fördert. Rosmarin wurde übrigens schon in der Antike als Heilkraut gegen Durchblutungsstörungen und Muskelschmerzen eingesetzt, und auch in der Aromatherapie werden Rosmarin konzentrationsfördernde und stressreduzierende Eigenschaften zugeschrieben. Rosmarin soll auch in Kombination mit anderen Ölen das Stresshormon Cortisol reduzieren und Angstgefühle reduzieren.

Quelle: Emotion, Vol. 9(3), pp 316-28

Siehe auch Olfaktorische Kommunikation.